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Gestern hab ich zwei Kräne beobachtet im Donner und Blitz. Da flogen die Spatzen in Massen und ich versuchte immer, genau dieses Foto zu knipsen, wo so ein Schwarm zu sehen ist, aber ich war zu langsam, die Kamera aus dem Rucksack zu ziehen und da saßen sie schon alle und wechselten nur noch vereinzelt die Positionen. Ich harrte aus, bestimmt fünfundzwanzig Minuten, aber das Gewitter kam und kam nicht, es war weit weg und würde nicht über Alt-Stralau niedergehen und wenn doch, stand ich ja unter dem Baum und das ist gefährlich. Die Spatzen warteten auf das Prasseln. Je mehr Zeit verging, desto mehr Angst bekam Cass und entschied sich, wieder aufs Rad zu steigen. Ich muss das ja nicht in die Zeitung bringen. Ich hab das im Kopf, das Bild vom Schwarm. Whatever. Und er stieg aufs Rad und da prasselten die dicken Tropfen auf ihn nieder. In den Halsausschnitt, in die Schuhe. Angenehm, ausnahmsweise, bei neunundzwanzig Grad find ich alles Nasse angenehm, egal was es ist. Es blitzte hinter ihm und er beeilte sich, nach Hause zu kommen.

Zu Hause: da war ein Anruf drauf. Familie, hieß der Apparat am anderen Ende. Cass wusste schon genau Bescheid. Ein Klingeln, ein Abheben, die Stimme ist wackelig, aber nur für jemanden, der sie kennt. Das zweitälteste Familienmitglied ist eingeschlafen. Im weißen Raum, unter weißen Decken, in weißen Kissen. Mit dem Kopf auf dem Ohr, weil das Gesicht in die Sonne zeigen sollte. Die Brille sitzt noch auf der Nase, mit den Bügeln hinter den Ohren. Wenn der Mensch die Haut hochgezogen hat, das sah aus wie Knete, wie das Stück dort stand am Handgelenk. Du bist ganz nah gekommen und hast gesagt, wir müssen uns immer erkennen. Und das war gruselig, aber du hast dein Versprechen gehalten und ich habe mein Versprechen auch gehalten. In der Sonne hat der Mensch den Kopf nach oben gelegt und die Augen zugemacht. Kleine Schweißperlen hatten sich gebildet, die Fingernägel waren blau angelaufen. Die Familie rieb die kalten Hände, schau, jetzt wird es warm, nicht wahr. Und der Mensch lächelte, während ich den Schnittlauch sortierte. Dann sackte das Gesicht auf die Brust. So müde.

So müde.

 

Tyyny Hennies

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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