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Oft kenne ich den Menschen nicht und weiß nicht, was mich erwartet. Die Informationen bestehen dann lediglich aus Name, Alter, Geschlecht und derzeitigem Aufenthaltsort. Mehr ist auch nicht nötig.

Jedesmal, wenn ich ein Zimmer betrete und mich mit dem baldigen Tod konfrontiert sehe, komme ich kurz in Berührung mit meiner eigenen Angst. Ich muss mich ihr bewusst stellen, sie zu mir kommen lassen, um eine Begleitung sein zu können. Ich sammle meine Aufmerksamkeit, um meinen Körper zu spüren. Mein klopfendes Herz wahrzunehmen, dem Strömen meines Atems zu folgen. Dann breitet sich eine harmonische Ruhe in mir aus, und ich kann mich wirklich ganz der Person zuwenden, zu der ich gerufen wurde.

Nun betrete ich einen Ort, in dem die Zeit einem anderen Tempo folgt. In dem jeder Atemzug zu hören und zu fühlen ist. Jedes Stocken spürbar ist. Jedes Röcheln einen eigenen Rhythmus hat. Es entsteht eine intime Stille mit Zeitlupencharakter. Ich tauche ein in ein lautes Schweigen. Es hat seine eigene Sprachmelodie. Schwingende Kommunikation mit andersartiger Tonfolge. Ganz langsam öffnet sich ein Raum, in den ich mich hineinführen lasse. Hochsensibel rieche ich ihn kommen und atme tiefer. Ich füge mich. Mein Blick fokussiert sich klarer, und kleinste Regungen nehme ich im Aussen und Innen parallel wahr. Meine Haut als Begrenzung meines Körpers scheint aufgelöst und gleichzeitig elektrisiert zu sein. Jede meiner Bewegungen und Berührungen folgen einem Impuls, der durch mich seinen Ausdruck findet. Ich bin da, gehe ein Stück des Weges mit. Nicht getrennt, sondern verbunden. Die Zellen federn im Geichklang. Schwebende Energie erstreckt sich zwischen uns. Die Gedanken sind aufgehoben. Ich bin eins mit dem Geschehen. Getragen von gefüllter Leere. Eine konzentrierte Leichtigkeit mit geschärften Sinnen. Geleitet durch ein gleichmäßiges Pulsen des Herzens.

Ein sanfter Kuss auf die Stirn ist mein Abschied.

Alles ist da. Alles ist Frieden. Alles ist Liebe.

Ich trete auf die Strasse. Das Licht scheint heller, die Vögel lauter, die Menschen bunter, die Bäume duften intensiver und jeder Schritt, den ich tue ist wahrhaftig. Verbunden mit der Erde und lebendig. Pure Glückseligkeit.

 

Melanie Coupar

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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