331

Lena und er spielten gerade Playmobil im Kinderzimmer, als das Telefon klingelte. Seither erschrickt Sascha bei jedem Anruf. Mobiltelefone sind zu klein und flach für Haushalte mit Kindern, dachte Sascha. Lena schnappte sich das Handy bei jeder Gelegenheit, um das Spiel mit dem snowboardfahrenden Gummibärchen zu zocken und das Telefon an Stellen liegen zu lassen, auf die man erst mal kommen muss.

„Hallo!“ meldete sich Sascha überschwänglich.

„Hier ist Michael.“

Pause. Komische Pause.

„Ich weiß. Ich hab deine Nummer auf dem Display gesehen. Wie geht’s?“

„Wenig bis gar nicht,“ antwortete Michael mit einer Stimme, die an ihm festgetackert zu sein schien.

„Matilda ist gestorben.“

Michael hatte das Baby auf ein sehr buntes Kopfkissen gelegt und mit seiner Tochter gespielt. Ihre Finger hatten sich berührt und Matilda hatte ihn angelächelt. Als er aus dem Zimmer ging, war das Kind in der richtigen Lage, weil man immer darauf achtet, dass die Kinder in der richtigen Lage sind. Der Zeitaufwand für eine Fertigsuppe ist die Zeit, die ein Baby braucht, um sich das erste Mal umzudrehen und dann an seinem Erbrochenen zu ersticken. Sofort Mund-zu-Mund-Beatmung. Vorher den Rachen mit den Fingern leergeschaufelt. Herzdruckmassage. Alle lebensrettenden Sofortmaßnahmen. Michael war früher bei der Wasserwacht gewesen. Der Notarzt war nach ein paar Minuten da. Sogar ein Rettungshubschrauber. Aber Matilda war ganz tot.

Als Julia nach Hause kam, konnte sie stundenlang nur noch schreien. Es war kein richtiger Schrei. Nicht wie man sich einen Schrei vorstellt. Jedenfalls keinen menschlichen. Es war auch kein richtiger Tod. Nicht so wie man sich einen Tod vorstellt. Erst hatte Julia ihr Baby monatelang im Bauch getragen, dann war Matilda einfach mit dem Hubschrauber weggeflogen.

„Das arme Kind“, sagte Michael immer wieder. „Das arme Kind.“

Nach dem Telefongespräch weinte Sascha. Lena weinte mit. Sie hatte nie zuvor einen erwachsenen Menschen gesehen, der sich mit dem Handrücken seine Tränen von den Wangen wischte.

Am Tag der Beerdigung regnete es nicht, obwohl man sich Regen dazu vorstellt. Es war nur schweinekalt. Während ein Trauergast nach dem anderen Blumen, Stofftiere, Erde ins Grab warf, standen Michael und Julia dabei wie zwei Menschen, die nur noch aufrecht stehen konnten, weil sie auf dem Boden festgeschraubt waren.

Lena hat im Religionsunterricht ein Bild gemalt. „Was mich traurig macht.“ Ein Mann und eine Frau, aus denen sich dort, wo die Augen sein sollten, Wasserfälle ergießen. Dazwischen steht ein kleiner blauer, mit Sternen verzierter Kasten, an den einige Luftballons gebunden sind. Der Kasten ist viel zu klein, als dass ein Mensch darin Platz haben könnte. Es müsste schon ein sehr kleiner Mensch sein. Lenas Religionslehrer hat ihr nicht erklären können, warum Gott gewollt hat, dass Matilda stirbt. Das spricht für den Religionslehrer. Für Gott spricht es nicht, findet Sascha, aber das sagt er Lena nicht.

 

Roland Spranger

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
#1000tode #tod #sterben #trauer

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.