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Ich suche die Verwandtschaft ersten Grades und schaue, was ich tun oder lassen kann.

Ich bin wenig befangen. Es ist aufgeräumt hier, nichts ist kurz und klein geschlagen, und alle paar Minuten wischt eine schnelle Hand die Krümel vom Tisch oder schiebt das Glas von links nach rechts.

Räumt ab, stellt hin.

Den Vater, hingesetzt auf die Eckbank. Das ist so bitter. Der Mensch ist für den Tod einfach nicht gemacht.

Die Schwestern, eine bewegt sich zu schnell, die andere zu langsam.

Und dazwischen toben die Kinder, laufen die Treppe rauf und wieder runter.

Ich kann meinen Blick nicht von ihnen abwenden. Ich höre hier und da ein: „Das Leben geht weiter!“

Das ist richtig und einfallslos.

Ich stelle mich in den Türrahmen, stecke die Hände in die Hosentaschen und starre auf den Herd:

0. 0. 0. 0. 2.

Es erscheint mir irgendwie nicht richtig, die Hände in den Hosentaschen zu behalten, aber ich bewege sie keinen Zentimeter und bleibe für den Rest des Tages falsch …

 

Lütfiye Güzel

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
#1000tode #tod #sterben #trauer

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