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Ich bin Musikerin. Eine richtig gute. Profi. Die Konzerte, Hochzeiten, Taufen und natürlich auch Beerdigungen, die ich in den Jahren schon gespielt habe, kann ich gar nicht mehr zählen. Jobs. Immer anders, meistens schön, manchmal skurril … Da war diese Beerdigung mit Wunschlied – ABBA … „I have a dream“ – der Verstorbene liebte die Orchesterfassung. Engagiert wurden wir als Querflötenduo – in einer Marmorhalle. Eine Gruft-Mugge eben. Was man so macht als Student. Mitgefühl ja, Betroffenheit nein. Das war immer so, bis zum Sommer 2009.

Da habe ich die schlimmste Beerdigung meiner Karriere gespielt. Ich kam zum Friedhof. Früh genug, wie immer. Ich ging zur Kapelle. Das Erste, was ich sehe – ein gefühlter Berg Stofftiere. Mittendrin die Urne. Da auf einmal war mir erst klar, worum mich meine Freunde gebeten hatten. Tief durchatmen. Den Blick lösen von den Schmusetieren, die fast ein Jahr mitgekämpft haben. Zu früh gekommen, viel zu früh gegangen. Tief durchatmen, Heike. Ab in die Kapelle, einspielen. Mit Kloß im Hals Bach gespielt. Versucht, alles an Schönklang in den Kirchraum zu spielen, was ich nur konnte. Für meine Freunde, für die Familie, für J., für mich. Geschafft! Doch das dicke Ende kommt noch … Wir ziehen nach draußen auf den Friedhof. Ans Grab. Mein Gott, ist das ein kleines Loch … Notenständer aufgestellt, daran die Spieluhr. Seine Spieluhr. Mit einer lieben Kollegin beginnt der letzte „Job“ – einer, der schon lange keiner mehr ist. Wir spielen die Melodie von „Schlafe, mein Prinzchen, schlaf ein“. Keine Ahnung, wie oft – wie eine Spieluhr, wir sind die Spieluhr. Erst als nahezu alle Trauergäste ihre Blumen ins Grab geworfen haben, brechen wir ab und die echte Spieluhr spielt weiter. Ich bringe sie den Eltern, werfe meine Rose ins Grab, sehe nichts mehr und in diesem Moment ist alles …

Einige Monate später bin ich schwanger. Freude, Angst, Panik, Zuversicht. Alles wird gut. Alles ist gut. Aber „Schlafe, mein Prinzchen, schlaf ein“ kann ich heute immer noch nicht hören …

 

Heike Ingenhoven

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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