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„Man kann es drehen und wenden wie man will, der Tod wird nichts Schönes“, sagte eine Kollegin neulich zu mir, die noch immer sehr betroffen wirkte vom Ableben ihrer Schwiegermutter. Sie wollte mit ihrem Mann ein Sterbeseminar besuchen, um festzustellen, wie viel Kraft es kosten würde und ob sie bereit oder fähig wären, über verwandtschaftliche Beziehungen hinaus Sterbenden Hilfe zu leisten. Doch das Leben kam ihnen zuvor, beziehungsweise Krankheit und Tod, denn noch ehe dieses Seminar stattfand, mussten sie ihre Mutter begraben.

Ich saß mit ihr am Tisch, hatte Tränen in den Augen, während sie erzählte. Und musste feststellen: Ja, genau so ist es.

Wir können versuchen, uns auf den Tod vorzubereiten, indem wir wie meine Kollegin einen Kurs absolvieren.

Wir können uns mit dem Thema auf andere Art und Weise beschäftigen, zum Beispiel indem wir dieses Buch hier lesen.

Wir können versuchen, die Angst vor dem Tod zu verlieren, indem wir ihm mit dem Leben begegnen, das Leben bewusst wahrnehmen und dankbar sind, dass es uns gibt.

Wir können uns an den Tod gewöhnen durch die Sterbenden um uns herum, so wie man sich an trübes Wetter gewöhnt. Mehr schlecht als recht.

Doch eines steht fest: Man kann es drehen und wenden wie man will, der Tod wird nichts Schönes. Wenn wir das erwarten, erwarten wir zu viel.

Meine Kollegin und ich, wir haben deshalb beschlossen, uns getrost dem Leben zuzuwenden. Gestorben wird dann noch früh genug.

 

Kathrin Schachtschabel

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
#1000tode #tod #sterben #trauer

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