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Letzte Woche bin ich über den folgenden Spruch gestolpert:

Der Tod ist ein Freund, der dir jeden Tag über die Schulter schaut und dir zuflüstert: Nutze den Tag!

Ich weiß leider nicht, wo ich das gelesen oder gehört habe. Aber mir persönlich gefällt dieser Spruch sehr gut.
Das „Nutze den Tag!“ klingt zwar erstmal nach Stress – denn in unserer Leistungsgesellschaft bedeutet das in der Regel: Machen, Tun, Schaffen. Aber ich kann einen Tag auch anders „nutzen“: mich entspannen, in mich gehen, genießen, bewusst leben.

Auch wenn meine Kinder schmunzeln, wenn ich gelegentlich von meiner Beerdigung spreche, aber ich habe das Lebensende immer mal wieder vor Augen. Weil ich weiß, dass das Leben in diesem Körper nicht unendlich ist.
Es ist nicht so, dass ich eine abzuarbeitende Liste habe, die ich erledigt haben will, bis ich sterbe.
Nein.
Es ist eher so, dass ich mich auf dem Totenbett nicht fragen will:

Habe ich Vögel singen hören?
Ist mir die Schönheit des Schnees aufgefallen?
Wie oft habe ich einen Menschen umarmt?
Habe ich in Liebe gehandelt?
Habe ich das Leben wirklich gelebt?

Den Tod vor Augen, gehe ich bewusster durch das Leben. Mit offenen Augen, Ohren, Sinnen.

 

Wenn ich heute sterben würde, wüsste ich …

… dass ich gestern noch fasziniert an der Terrassentür stand und die blaue Stunde im verschneiten Garten bewundert habe.
… dass ich meinem Mann gestern Abend lange in die Augen geschaut habe – ergriffen von der Liebe, die ich darin fand.
… dass ich vor dem Spiegel stand und mir dachte: Wie wunderschön.
… dass ich mitgetanzt habe, als im Radio ein tolles Lied kam und dass ich Tränen wegwischte, als ein anderes berührendes Lied mich überflutete.
… dass ich zwei wundervollen Menschen das Leben geschenkt habe.
… dass ich die heutige Tasse Kaffee nicht nur getrunken, sondern genossen habe.

 

Mein Tod

Meine Kinder und mein Mann wissen: wenn ich einmal gestorben bin, wünsche ich mir, dass keiner in Schwarz zu meiner Beerdigung kommen muss, denn ich mag die Farbe Schwarz nicht. Es soll sich ein jeder so anziehen, wie er es immer tut. Ich möchte gelbe und orangene Blumen auf meinem Sarg. Sie sollen Liebe und Feuer versprühen. Am liebsten wäre mir als Zeitpunkt die „blaue Stunde“. Sie hat mich sehr oft in den jeweiligen Moment zurückgebracht. Zurück in das Leben.
Und ich liebe das Lied „The Inner Light“ aus Star Trek.
Diese Melodie ergreift mich immer wieder. Sie vermittelt mir eine Sehnsucht nach … ich weiß es nicht. Sie ist Liebe und sanftes Ruhen. Ein Ankommen. Genau richtig, um Abschied von diesem Leben zu nehmen.
Und jetzt sitze ich hier und ein neuer Tag beginnt. Ein Geschenk. Was werde ich heute alles sehen, fühlen, wahrnehmen?

Und wenn DU morgen sterben müsstest: Wie würdest du, wie wirst du den heutigen Tag nutzen?

 

Margit Haubrich

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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