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In meiner Familie stirbt niemand ohne Grund. Sie rauchen und sterben an Lungenkrebs, sie werden verlassen und begehen Selbstmord, oder sie trinken zu viel und sind außerdem viel zu fett, da muss das Herz ja kollabieren. Alles erklärbar, finden meine Leute. Geburten finden wir bezaubernd. Geheimnisvoll. Ein Wunder. Unsere Tode sind deterministisch. So ist das bei uns. Ich finde das schlimm. Ich weiß nicht, welche Antwort ich ihnen geben soll. Ich weiß einfach nicht, was ich ihnen sagen soll, wenn er nicht zurückkommt.

Für Ihr psychisches Wohlbefinden könnte es jedoch besser sein, wenn Sie mit dem Auftrag Ihrer Partnerin oder Ihres Partners nicht dauerhaft hadern.*

Statistisch gesehen ist der deutsche Straßenverkehr gefährlicher. Durch volltrunkende Jugendliche oder depressive Geisterfahrer. Menschen, denen es voll gut oder voll schlecht geht. Mehr nicht. Aus einer Laune heraus. Von denen ist er weit weg. Aber die Menschen da hinten sind anders. Viele werden sich über ihn freuen. Viele werden gar keine Notiz von ihm nehmen.

Es kann sein, dass dort Menschen sterben, weil die internationale Staatengemeinschaft das von uns verlangt.**

Von denen. Ja, die meisten Toten sind von denen. Von uns sind ja nur ein paar ganz weg. Aber viele so halb. Psychisch. Männer, die Panikattacken an der Supermarktkasse kriegen, weil sie fürchten, dass einer aus der Schlange eine Bombe zündet. Wenn er so wiederkommt.

Wir denken nicht gerne daran, dass es heute in unserer Mitte wieder Kriegsversehrte gibt. Menschen, die mit ihrem Einsatz für Deutschland mit ihrer körperlichen und seelischen Gesundheit bezahlt haben.***

Er geht dahin. Auch wegen der Kohle. Fünfzehntausend Euro steuerfrei. Ungefähr. „Damit wir beide studieren können“, sagt er. „Damit wir Ruhe haben.“ Ich will diese Zukunft, diesen großen Plan, der alles besser machen wird. Aber wenn etwas schiefgeht – dann kein doppelter Boden. Kein Notausgang. Keine Reißleine. Er geht dahin. Morgen. Nichts hält ihn ab. Briefe brauchen zehn Tage.

Lassen Sie Telefongespräche nicht ausufern, ansonsten können Ihnen die Telefonkosten aus dem Ruder laufen. Eine gewisse Traurigkeit kann Sie nach einem einstündigen Gespräch genauso überkommen, wie nach einem zehnminütigen Gespräch.****

Er geht dahin, wo Menschen leben, die ihn sterben sehen wollen. Vielleicht zugucken. Vielleicht selber dabei draufgehen. Aus Genugtuung. Oder für Gott. Ich weiß nicht mal genau warum. Ich habe Angst. Sie hassen uns. Sie. Unsere Lebensweise , unsere Ideen, unsere Werte. Wahrscheinlich. Keine Ahnung. Interessiert hier niemanden. Aber ihn, den Mann, den ich liebe, der wegen uns in ihr Land geht. Den hassen sie. Der soll sterben.

Die Sicherheit Deutschlands wird auch am Hindukusch verteidigt.*****

Ja. Aber –.

* Broschüre für Partner von Einsatzsoldaten
** Verteidigungsminister Peter Struck, 2004
*** Bundespräsident Joachim Gauck, 2012
**** Broschüre für Partner von Einsatzsoldaten
***** Verteidigungsminister Peter Struck, 2002

 

Daniela Lottmann

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
#1000tode #tod #sterben #trauer

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