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Man wusste nie im Voraus, wohin es sich neigte. Das Haus war unberechenbar geworden. Um hineinzugelangen, musste man sich manchmal durch den schmalen Spalt einer halbversunkenen Haustür zwängen, manchmal aber auch am schiefen Fundament hinaufklettern oder einen beherzten Sprung wagen. Noch schwieriger war es allerdings für Bastian und seinen Vater, das Haus wieder zu verlassen, obwohl es beide kaum noch in ihm aushielten. Nach dem Tod seiner Mutter war es mit einem Mal zu groß für sie geworden. Die Stille nahm immer mehr Räume in Beschlag. Sie annektierte Zimmer um Zimmer und breitete sich wöchentlich weiter aus. Bastian gewöhnte sich schnell daran. Aber das Schwanken, damit konnte er sich nur schwer abfinden. Anfangs waren es bloß Bilder, die schief hingen, war es Wasser in Gläsern, das gelegentlich über den Rand schwappte. Schnell kamen herausschießende Schubladen und kippende Regale dazu. Das Haus war nicht mehr eben. Es schwankte unschlüssig auf und ab und ging Bastian damit gehörig auf den Zeiger. An manchen Tagen neigte es sich nach rechts, an anderen nach links, und an einigen – das waren die schlimmsten – wankte es umher, als wäre es zu Wasser gelassen worden. Bastian musste sich regelmäßig übergeben. Mit seinem Vater darüber zu sprechen, kam jedoch nicht in Frage. Sie hielten sich nur noch selten im selben Raum auf, und wenn, dann schweigend. Nur manchmal – wenn das Haus besonders wankelmütig war, es überall schepperte und knallte und sie die umherrutschenden Möbel im Obergeschoß hörten – tauschten sie untereinander vielsagende Blicke aus: Das Haus hat seinen Schwerpunkt verloren. – Ja, ich weiß. Mit der Zeit wurden immer mehr Räume von umgekippten Möbelstücken versperrt. Das Arbeitszimmer seiner Mutter war das erste, das sich nicht mehr betreten ließ; kurz darauf folgten Wohn- und Esszimmer und an manchen Tagen sogar die Küche, die je nach Laune des Hauses mal offen stand, mal vom Kühlschrank blockiert war. Allerdings wurde das Haus mit jedem verwaisten Raum ruhiger. Bastian und sein Vater brauchten nicht lange, um zu verstehen, wie sie sein Gleichgewicht wiederherstellen konnten: Sie mussten es austarieren. Wenn beide daheim waren, hielten sie sich deshalb an den exakt entgegengesetzten Enden des Gebäudes auf. Sobald einer von ihnen das Haus verließ, sackte es augenblicklich auf die Seite des anderen hinab. Doch beide arrangierten sich mit ihrem Stabilitätspakt und lebten nebeneinander her, Tage, Wochen, Monate, und das Einzige, was Bastian bis zu seinem Auszug von seinem Vater wahrnahm, war, wie sich das Haus leicht senkte, wenn er von einer Seite des Raumes zur anderen ging.

 

Frank O. Rudkoffsky

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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