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Sprachlos erlebe ich dich zum ersten Mal. Nicht vor Freude, Wut oder Angst. Die Sprachlosigkeit gehört jetzt zu dir. Es ist schwer in deinen übergroßen Augen zu lesen, noch viel schwerer als sonst. Unter dem Blick einer Schaufensterpuppe würde ich mich beobachteter fühlen – so wenig ist von dir übrig. Du hebst deine Hand und zeigst Richtung Fensterfront. Das Bild von uns beiden darin ist so deutlich, dass ich mir für einen Moment wünschen kann, das alles hier sei nur ein Film aus der Videothek. Morgen werde ich ihn zurückbringen. In dieser einzigen Geste von dir eine kaum zu bändigende Verzweiflung, als würdest du sie herausschreien wollen. Ich könnte dir meine Stimme leihen und kann es doch nicht. ‚Raus hier!‘, soll das bedeuten. Bloß weg von diesem Ort, der dir eine Rückkehr zur Normalität verspricht, obwohl das nicht eingehalten werden kann. Versprochen ist versprochen. Daran habe ich nie wirklich geglaubt und mittlerweile fällt es mir leicht darüber zu lachen.

Draußen Blitzeis. Auf dem Weg hierher ist das Heck des Wagens einmal ausgebrochen. Auf der Landstraße, bei vierzig statt der siebzig erlaubten Stundenkilometer. Zwangsentschleunigung, nicht nur dort. Scheinwerfer aus dem Gegenverkehr leuchteten auf. Ein verhaltenes Hupen, fast so als wäre der Unbekannte sich nicht sicher gewesen, ob er mich aus meinen Gedanken reißen darf. Für die Angst vor einem Auffahrunfall war sowieso kein Platz. Die Angst um dich – oder die Angst vor deinem Zustand, das ist schwer zu sagen – war bereits in jedes Äderchen in mir, in jede Hautschuppe gekrochen, hatte die entlegensten Winkel meines Körpers gefunden und sich dort häuslich eingerichtet. Gekommen um zu bleiben. Schnell gefahren bin ich trotzdem nicht, bin nicht leichtsinnig geworden. Stattdessen Schulterblick, einmal, zweimal, hundertmal. Rückversicherung, Selbstvergewisserung, ein Gefühl, als stünde ich auf Autokorrektur.

Du setzt dich auf und es kostet dich viele Versuche. Ich reagiere zu spät, stütze deinen Rücken erst jetzt. Er ist so warm und fühlt sich an wie früher, auch wenn ich deutlich spüren kann, dass du an Gewicht verloren hast. Ich möchte mich an dich lehnen, will, dass du mich in den Arm nimmst, weil ich uns beide nicht tragen kann. Aber worauf ich auch immer hoffe, es kommt nicht. Du willst vom Bett aufstehen, ein Tropf hindert dich daran. Ich sage dir, dass du warten sollst, aber du stoppst nicht.

Erst jetzt wird mir klar, dass ich nicht sicher sein kann, ob du mich überhaupt erkennst. Womöglich kommunizierst du nur mit mir, weil hier außer uns niemand ist. Heruntergebeugt ziehe ich dir deine Hausschuhe an. Deine Füße sind kalt. Sie wollen mich glauben machen, dass alles wie immer ist. Mit einem Arm helfe ich dir auf, mit dem anderen ziehe ich den Tropf. An der Tür sind wir beide bereits erschöpft, ich spüre unsere Herzen, die sich gegenseitig im Sprint übertrumpfen wollen. Trotzdem drängst du weiter, als hätte der Ehrgeiz dich gepackt. Raus aus diesem Zimmer, an einer Schwester vorbei, deren Blick wir nicht begegnen wollen. Ein Schritt nach dem anderen auf einem künstlich verlängerten Flur. Dein Ziel ist der Fahrstuhl. Du scheinst so gar nicht du selbst zu sein und bist es vielleicht doch.

 

Dieser Ort ist nicht für dich und deshalb musst du gehen. Entschlossen, ohne Rücksicht auf mich, setzt du einen Fuß vor den anderen. Wie lange wir uns so bewegen, kann ich in Tagen messen. Vor der Fahrstuhltür halte ich inne. „Wir können nicht gehen, du musst noch hierbleiben.“ Mit meiner Stimme bricht die Verbindung zwischen uns.

 

Lisa Schöttler

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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