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Ich sitze an ihrer Bettkante, jeden Tag. Halte ihre Hand mit der einen und streichle sie mit der anderen Hand. Sie entspannt unter der Berührung. Seit mehreren Tagen steht sie gar nicht mehr auf. Nahrung verweigert sie schon länger. Seit gestern will sie auch keinen Prosecco mehr.

In fünf Tagen wird sie nicht mehr aufwachen.

Du sitzt unten im Wohnzimmer. Müde. Erschöpft. Hilflos. Ich sitze neben Dir, jeden Tag. Halte Deine Hand, streichle mit meinem Daumen über Deinen Handrücken. Man merkt Dir an, dass Du seit Tagen nicht mehr wirklich schläfst. Du hörst sie nachts wimmern, krampfend vor Dehydration, und stehst ihr bei, richtest ihre Position. Selber schon so schwach, wachsen Dir übermenschliche Kräfte.

In drei Tagen wird sie nicht mehr aufwachen.

Wir stehen um ihr Bett herum. Die Pastorin segnet sie aus. Die Bestatter kommen. Du verbietest ihnen, sie umzuziehen. Keiner soll sie entblößt sehen. Ein letzter Abschied am Sarg. Kläglich fiepst Du bei ihrem Anblick. Mein Herz bricht.

Heute morgen ist sie nicht mehr aufgewacht.

Wochenlang besuche ich Dich im Krankenhaus, jeden Tag. Sie wollen Dich nach Hause schicken. Mit einer Lungenentzündung. Wir verlegen Dich. Dann üben wir mit dem Rollator, den Gang auf und ab zu gehen. Und schenken einander Wörter.

Vor drei Monaten wachte sie nicht mehr auf.

Du rollatorst zu Hause herum. Immer mit einer Flasche Wein vorne im Korb. Es könne ja überraschend Besuch kommen, man müsse vorbereitet sein. Du erzählst mir vom Krieg. Von Gefangennahme und Gefangenschaft. Einige Kameraden nahmen den endgültigen Ausweg. Nie, sagst Du, sei das für Dich in Frage gekommen.

Sie fehlt.

Wir sitzen nun täglich an Deinem Computer. Du zeigst mir Deine Lebenserinnerungen, weit über zweihundert Seiten, drei Jahrzehnte. Wir sortieren, räumen auf, besprechen, diskutieren, recherchieren. Ich lerne Dein Leben kennen. Du lässt Dir von mir mein iPad erklären. Wir lachen.

In etwa einem Jahr wirst Du einschlafen.

Wir besorgen Dir einen neuen Personalausweis, Du willst noch einmal reisen. Du stolperst über eine Tätowierung und treibst Schabernack mit Deiner ältesten Freundin. Ich darf acht Jahrzehnte Freundschaft bei einem Lachanfall erleben.

In vier Monaten wirst Du Urgroßvater.

Du verbringst zum ersten Mal auch Heiligabend bei uns. Ein Platz ist leer. Einige Wochen später betrachtest Du mit nachdenklichem Blick die nächste Generation.

Sechs Monate nach der Geburt Deines Urenkels wirst Du Deinen Lebenskreis vollenden.

Wir feiern Deinen 92. Geburtstag. Kurze Zeit später musst Du erneut ins Krankenhaus. Ich besuche Dich so oft ich kann. Du wirst schwächer. Zum ersten Mal höre ich Dich „Ich mag nicht mehr“ sagen. Du magst niemandem zur Last fallen. Siehst keine Besserung.

In einer Woche holen wir Dich nach Hause.

Stunden um Stunden sitzen wir an Deinem Bett. Mal geht es besser, mal schlechter. Du bist noch nicht ganz fertig. Kämpfst. Erzwingst Contenance. Du überraschst mich mit Erklärungen zum Chlorhühnchen. Wir springen in den Themen. Dein umfangreiches Wissen beeindruckt, Dein klarer Verstand, Deine Neugier auf Dir Unbekanntes. Dann schläfst Du mitten im Satz ein. Ich streichle Deine knöchrige Hand. Pergamenthaut.

Du hältst ganze acht Wochen zu Hause durch.

Die Schwester macht noch Mundhygiene mit Dir. Dann schläfst Du ein. Wir stehen um Dein Bett. Die Pastorin segnet Dich aus. Eingefallen, aber friedlich siehst Du aus. Lächelnd gar. Wir rücken zusammen. Abends gewinnt Deutschland gegen Brasilien 7:1. Es ist surreal.

Zwei Wochen später verabschieden wir uns endgültig von Dir.

 

Gerade als wir am Grab stehen, erbricht sich ein gewaltiges Sommergewitter über uns.

Dein letzter frecher Gruß.

 

 

@eimerchen

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
#1000tode #tod #sterben #trauer

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