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Es lag ein wenig Nebel zwischen den Ästen. Der Himmel, immer noch schmutzig von der gestrigen Explosion. Hinter mir das aufgeregte Flattern eines alten Wellensittichs. Er versuchte angestrengt, meine Aufmerksamkeit auf ihn zu lenken. Dazu schoss er durch das winzige Zimmer am Ende des Flures. Sein Flügelschlag war aufgeregt und unkontrolliert, sein Krächzen unerträglich. Ich vergrub meine Hände tief in den Taschen meines Mantels. Den Kopf hielt ich starr geradeaus. Ich blickte hinüber zu den Ästen, die, vom Winter kahlgeschlagen, über die gewaltige Mauer des Nachbarn ragten. Zur Erntezeit hing der Baum voller saftiger Äpfel, die jedoch niemandem schmeckten. Sie hingen schlichtweg zu hoch. Wir versuchten, sie herunterzuschütteln, sie vom Baum zu schießen oder aber sie zu fangen, wenn sie dann irgendwann von allein herabfielen. Doch meistens zerschlugen sie auf dem Asphalt und genügten nur noch den Ameisen und Tauben.

Das Holz unter meinen Füßen knarrte bei jeder noch so kleinen Bewegung. Ich ging einige Schritte durch das Zimmer. Nichts hatte sich verändert. Das fahle Grau an den Wänden rahmte die wenigen Bilder ein, die man mir gestattet hatte. Auf dem Schreibtisch in der Ecke stapelten sich mehr als einhundert Ausgaben einer Tageszeitung. Es faulte und moderte hinter den Schränken. Als ich zum flackernden Licht der Lampe hinaufsah, stürzte der Wellensittich ab. Er schlug fast geräuschlos auf einem Teppich auf. Ich setzte mich zu ihm und betrachtete die Farben seines Gefieders. Sie hatten trotz seines Alters nichts an Intensität eingebüßt. Ich versuchte mich an seinen Namen zu erinnern. An den Namen, auf den er nicht hören wollte. Niemals. Zwei Jahre lang hatte ich versucht, ihn damit vertraut zu machen. Ich hatte ihn immer und immer wieder gerufen. Doch er reagierte kein einziges Mal. Ich beugte mich zu ihm hinunter. Ich wollte wissen, ob sein kleines Herz vielleicht doch noch schlug. Doch da war nichts.

Die Flut vieler gedämpfter Stimmen. Sie drangen aus dem unteren Teil des Hauses durch den Boden zu mir durch. Ich stand auf und richtete meine Kleidung. Mein Blick fiel wieder zum Fenster hinaus. Ich biss mir auf die Unterlippe. Meine Hände fielen noch tiefer in die Taschen meines Mantels. Ich wippte leicht auf und ab. Einen klaren Gedanken vermochte ich nicht zu fassen. Sie waren alle gekommen. Sie mussten es nun richten. Oder wenigstens in Ordnung bringen. Ich strich mir mit der Hand über den kahlrasierten Schädel. Das Geräusch eines Motors bog um die Ecke am Ende der Strasse. Der Wagen hielt direkt vor dem Haus. Ich trat ganz nah ans Fenster. Ich war nicht bereit, aber danach fragte hier auch niemand. Schließlich hatte ich sie vergessen. Und die Anderen. Die hatten sie auch vergessen. Jahr für Jahr. Jeden Tag ein bisschen weniger Erinnerung. Bis sie einen von uns anriefen. Mich. Der nun hier stand und vom ersten Stock aus beobachtete, wie ihre Leichen, sechs Wochen nach ihrem Tod aus ihrem Haus getragen wurden.

 

Martin Mascheski

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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