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Es klopft an meiner Zimmertür. „Es ist Zeit. Du musst aufstehen!“ Ich ziehe die Bettdecke über meinen Kopf. Ich spare mir die wenigen Sätze, die ich mit meinem Vater sonst plaudere, wenn er mich weckt. Es ist Montag und heute bin ich besonders müde. Außerdem habe ich keine Lust, zur Schule zu gehen. Es klopft wieder. „Ja“, brumme ich nur und höre schon gar nicht mehr, wie die Wohnungstür gleich darauf ins Schloss fällt. Die wenigen Minuten, die ich mir gespart habe, helfen nicht, mich munterer zu machen, als ich schließlich doch aufstehe. Gerade als ich mich auf den Weg zur Schule machen will, klingelt das Telefon. So früh am Morgen. Das ist nicht gut. Ich spüre sofort, dass das kein gutes Zeichen ist. Meine Mutter geht an den Apparat. Sie wird bleich. Mein Vater hatte einen Unfall. Genaues weiß man noch nicht. Trotzdem muss ich in die Schule, sonst verpasse ich zu viel vom Unterricht. Vor allem in Mathe – da bin ich ohnehin nicht sonderlich gut. Ich rede mit niemandem darüber, dass mein Vater einen Unfall hatte, noch nicht einmal mit meinen besten Freundinnen. Solange ich es nicht ausgesprochen habe, kann ich so tun, als ob nichts passiert ist. Außerdem wird sowieso alles gutgehen. Jemandem aus meiner Familie kann nichts zustoßen, denn meine Familie ist heilig. Wir haben Sport und ich laufe schneller als sonst die Aufwärmrunden. Da kommt die Schulsekretärin, wirft mir einen mitleidigen Blick zu. Ich soll mich umziehen und mitkommen, weil ich abgeholt werde. Mehr sagt sie nicht. Es ist der längste Weg, den ich jemals gehe. Meine Tante und mein Onkel erwarten mich. Sie nimmt mich ganz fest in die Arme und ich weiß plötzlich, dass nichts und niemand auf dieser Welt heilig sind. Mein Vater kam auf die andere Fahrspur und stieß frontal in ein anderes Auto. In diesem Fahrzeug saß ein Mann, der an diesem Tag einige Minuten später losfuhr als üblich, wie wir später erfahren werden. Beide waren sofort tot. Mein wundervoller lebensfroher Vater stirbt mit sechsunddreißig Jahren und zeichnete mich damit. Er machte mich zu einem Mädchen, dem ein Teil seiner Seele vom Tod gestohlen wurde. Es sind oft nur wenige Sekunden oder Minuten, die den Unterschied machen zwischen Leben oder Tod. Dessen sind wir uns meist gar nicht bewusst. Und das ist auch gut so. Denn wenn wir uns dessen bewusst geworden sind, ist es meistens schon zu spät. Seither bin ich niemals mehr zu müde, um mit meinen Liebsten ein wenig zu plaudern.

 

Angelika Schwarzhuber

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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