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Meine Mutter war schon lange verloren. Ihr Tod stand täglich mit ihr auf. Sie und ich waren im Casino eines Krebskrankenhauses in den bayerischen Bergen verabredet. Ihr Geschmackssinn war im Eimer, aber sie ließ sich nicht beirren. Wir aßen das gar nicht so schlechte Krankenhausessen. Sie beugte sich, während sie eine Suppe schlürfte, über den Tisch und flüsterte: „Gut, dass mir die Haare nicht ausgegangen sind. Ich bin hier ungefähr die Einzige, die noch ihre eigenen Haare hat. Diese Krankenkassen-Perücken schauen doch nicht schön aus, oder?!“ Ich lehnte mich zurück und nickte. Sie hatte recht. Sie hatte immer noch ihre störrischen, dicken Haare. Aber sonst? Der Krebs hat meine Mutter auf ihr Konzentrat eingekocht. Die großen Wangenknochen ihrer Mutter bestimmten jetzt ihr Gesicht, nicht mehr das lebendige, runde, lustige Lachen. Dick war sie nie, aber jetzt blieb ein Konstrukt aus Narben, Knochen, und trockener Haut mit Gelbstich übrig. Nein. Meine Mutter war kein Typ, der so schnell aufgab. Dann hält man sich eben an dem fest, was man noch hat. Und seien es die Haare.

Der Kampf gegen den Krebs bestimmte schon einige Jahre ihr Leben. Nur zweimal hat sie vor uns geweint. Sie wusste, sie kann nicht gewinnen, aber sie wollte dem Tod keinen Triumphzug gönnen. Als Krankenpfleger habe ich viele Menschen sterben sehen. Viele waren dabei, für die es zu früh war, aber die allermeisten waren alte, zerstörte Körper, deren Menschen lange schon gehen wollten. Die moderne Medizin, die Angehörigen, der fehlende Mut zur Konsequenz waren dagegen. Nicht so bei meiner Mutter. Sie war es, die leben wollte. Und mit ihrem Alter hätte sie wohl auch das Recht dazu gehabt. Nicht zu hadern, wäre mir nicht in den Sinn gekommen. Ich wollte das lange nicht glauben. So vielen konnte ich einst im Krankenhaus helfen und bei meiner eigenen Mutter sollte ich machtlos sein? Wem ist denn bitte dieser Scheiß eingefallen? Dass man das Herz der Familie zerstört. Das vermutlich einzig glücklich verliebte Ehepaar im Universum trennt. Einer Frau das letzte Drittel ihres Lebens missgönnt. Ich konnte es nicht begreifen. Sie schon. Sie hatte eine gute Zeit. Auch die durchkotzten Nächte brachten sie nicht davon ab, die wenige, verbleibende Zeit zu genießen. Sie lachte, aß, trank ihr geliebtes Weißbier und nahm am Leben ihres Mannes und ihrer Kinder teil, so gut es ging. Als ihre Blutwerte schließlich nicht mehr denen eines lebendigen Menschen entsprochen haben, wusste ich, dass ich es sein musste, der sie aus dem Leben entließ. Weil ich das stärkste Band war. Weil ich am wenigsten einsichtig war. Einen ganzen Tag saß ich an ihrem Krankenbett, rieb ihren Daumen mit der langen Wunde aus der Kindheit. Irgendwann, kurz bevor mein Vater durch die Tür kommen würde, hab ich es gesagt: „Wenn du gehen willst – es ist schon o. k. Wir kommen zurecht!“ Nicht dass sie das nicht gewusst hätte, aber manchmal sind Sterbende auch mehr noch für diejenigen da, die übrig bleiben. Ich stand auf und ging. Mein Vater legte sich zu ihr. Keine zwei Stunden später war sie tot. Ich war gerade bei Freunden. Es war ein wunderbarer, sonniger Abend. Einer von denen, die nie enden.

 

Christian Lex

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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