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Samstag, 15. Oktober 2011
7 Uhr 11
Esszimmer

Es wird Zeit, dass ich schreibe. Immer wieder habe ich daran gedacht zu schreiben, habe mir gesagt, dass es Dinge gibt, die ich noch schreiben sollte. Am 19. Oktober werde ich am Gehirn operiert. Die Wahrscheinlichkeit, zu sterben, ist sehr gering. Aber schon die Wahrscheinlichkeit, an Neurofibromatose Typ II zu erkranken, war sehr gering. Im Juli, kurz vor meinem Geburtstag habe ich erfahren, was ich habe. Richtig ernst nehme ich es erst seit gestern.

Ich habe Angst.

Der Tiefpunkt meiner drei Tage in Mainz im August war eine Untersuchung am Hals. Der Arzt hatte einen viel zu langen griechisch klingenden Namen und meinte, dass ein Ultraschall gemacht werden muss, um auszuschließen, dass das Ohrgeräusch nicht doch von einem anderen Tumor verursacht wird. Ich lag da, den Hals voll von diesem Gel-Zeug, das der Frauenarzt den werdenden Müttern auf den Bauch schmiert. Nebenher telefonierte der Arzt und als wir fertig waren, gab er mir ein Tuch zum Abwischen. Ich ging ans Waschbecken im Untersuchungszimmer, schaute in den Spiegel und strich mir das Gel vom Hals. Auf dem Weg zurück zu meinem Zimmer spürte ich noch immer Gel. Ich fühlte mich schmutzig, hilflos und als ich ins Bad ging, um den Rest abzuwischen, sah ich, wie meinem Spiegelbild Tränen in die Augen traten. Kurz konnte ich keine Kraft mehr in mir fühlen, keine Energie, keine Hoffnung.
Beim Abschlussgespräch wurde mir empfohlen, erst den Tumor auf der rechten Hirnseite rausschneiden zu lassen und auf der linken Seite dann ein halbes Jahr später.

Erst seit gestern kann ich nicht aufhören, vor dieser OP Angst zu haben. Beruflich geht es stetig bergab. Ich sei nicht motiviert, ich zeige kein Engagement, man traut mir gewisse Aufgaben nicht mehr zu. Aber ich habe gerade größere Probleme.
Gestern habe ich im Internet gelesen, wie eine solche OP abläuft und was danach kommt. Berichte von Betroffenen. Seit der Diagnose habe ich es nie wirklich an mich rangelassen. Habe es abgetan als Kleinigkeit. Habe mich sogar darauf gefreut, so ähnlich wie man sich auf eine „unbekannte Reise“ freut. Ein Trip ins Ungewisse. Was kommt danach?
Eines ist klar: Es wird mir danach nicht besser gehen. Mein Leben wird nicht mehr so funktionieren, wie es gerade funktioniert. Aber es wird noch meine Kinder geben, meine Frau wird noch da sein und ich werde immer noch geliebt werden. Das beruhigt mich. Sorgt dafür, dass ich weniger Angst vor einer Taubheit oder Gesichtslähmung habe.
Aber was, wenn sie mir die Narkose geben, ich die Augen zu- und nie wieder aufmache? Was, wenn ich sterbe? Was dann? Mich darüber ärgern kann ich nicht. Ich werde meine Kinder zurücklassen müssen. Ich werde meine Frau zurücklassen. So viele Dinge, die ich noch nicht zu Ende gebracht habe.
Mein Kopf sagt, dass es unwahrscheinlich ist. Dass alles gut geht. Aber eine leise Stimme sagt mir, ich sollte Dinge regeln. Sollte vorsichtshalber auch mit dieser Möglichkeit rechnen.
Falls alles gut geht, werde ich jede Menge Zeit haben, über meine Genesung zu schreiben. Doch sollte ich tatsächlich nicht mehr aufwachen, werdet ihr dieses Tagebuch lesen und daher will ich noch das ein oder andere Wort an euch richten:

Mama und Papa

Was soll ich sagen, ihr habt mich großgezogen, habt dafür gesorgt, dass aus mir was wird und das zu einer Zeit, in der ihr selbst es nicht einfach hattet. Ihr habt bestimmt nicht alles richtig gemacht, aber ihr wart immer für mich da. Dafür danke ich euch. Ich liebe euch und ich will, dass ihr euch zusammenreißt, ich weiß nämlich aus sicherer Quelle, dass ihr einander auch liebt!

Tabea

Dich habe ich als Baby im Arm gehabt und ich habe gesehen, wie du heranwächst und wie langsam eine junge Frau aus dir wird. Ich mache mir keine Sorgen um dich. Pass gut auf dich auf und höre auf deine Eltern.

Christian

Wir sind miteinander groß geworden und wir haben viel durchlebt. Inzwischen sind wir nicht nur Brüder, sondern gute Freunde. Es hat mich immer stolz gemacht, wenn du mich um Rat fragtest. Auch wenn ich dich nicht so gerne in den Arm genommen habe, ich hab dich lieb. Alles Gute für dich und Sabrina.

Stefan

Wir sind die besten Freunde, einen langen Weg sind wir gemeinsam gegangen, haben unsere Gedanken immer wieder miteinander geteilt, auch wenn manchmal sogar ein Ozean dazwischen lag. Ohne dich hätte ich so manche Periode in meinem Leben nicht überstanden. Dieses Tagebuch ist auch Zeugnis unserer Freundschaft und es freut mich, dass du es für dein Buch verwenden kannst (das ist dein Freibrief gegen rechtliche Schritte meiner Erben!). Danke, dass du mein Weggefährte warst.

Dirk

Was ich an dir schätze und was ich schon immer an dir beneidet habe, ist deine unbeschwerte und lebensbejahende Art. Ich konnte nie so sein, war immer eher der Pessimist, der Miesepeter. Wir haben uns in schwerer Zeit gegenseitig gestützt. Wir sind sehr gute Freunde und wir hätten öfter noch miteinander Quatsch machen sollen. Dass es so selten passierte, lag auch an mir und meiner Faulheit. Das tut mir leid. Mach es gut und auch wenn es abgedroschen klingt: Bleib wie du bist!

Lucy

Dass deine Mutter und ich dich bekommen haben, habe ich nie bereut, aber ich habe mich immer gefragt, was ich dir damit angetan habe. Es tut mir so unendlich leid, dass du mit getrennten Eltern groß werden musstest, dass es für dich zum normalen Familienleben gehört hat, deinen Vater nur am Wochenende zu sehen. Trotzdem sehe ich, dass aus dir was wird, dass du ein selbstsicheres, kritisches kleines Mädchen bist. Ich bin stolz, dich als Tochter zu haben und ich werde immer stolz auf dich sein. Ich liebe dich und mach weiter so.

Gabriel

Du bist ein kleiner und sehr aufgeweckter Junge. Würde ich mir einen Sohn wünschen können, wäre er wie du. Wahrscheinlich würdest du dich an mich gar nicht mehr erinnern, sollte mir etwas passieren. Aber deine Mutter wird immer von mir erzählen und das Einzige, das du über mich wissen musst, ist, dass ich dich liebe. Du wirst dich prächtig entwickeln und aus dir wird später mal ein gutaussehender und intelligenter Mann werden. Ich bin stolz auf dich. Pass auf deine Mutter auf.

Anna

Ich liebe dich. Du bist in mein Leben getreten und ab da ist alles besser geworden. Alles hat gestimmt und war richtig. Ich will keine rosa Brille anziehen, wir haben nicht in allen Punkten zusammengepasst und es war auch nicht immer leicht. Du warst nicht immer einfach und ich war es auch nicht. Ich denke aber, in den wichtigsten Punkten herrschte Einigkeit. Wenn es darauf ankam, waren wir füreinander da. Es würde mir sehr weh tun, dich alleine zu lassen, weil wir doch noch so vieles vor uns gehabt hätten. Seit über sechs Jahren sind wir ein Paar, aber eigentlich standen wir am Anfang. Aber, auch wenn ich denke, ich müsste weiterhin für dich da sein, so weiß ich ganz sicher, dass du es alleine schaffst, dass du alles richtig machen wirst und dass du wieder glücklich wirst.
Wenn alles gut geht, dann lesen wir diese Zeilen gemeinsam, irgendwann. Und wenn nicht. Dann muss ich dich mit diesem letzten armseligen Gruß zurücklassen. Ich will nicht sowas schreiben, dass du dir einen neuen Mann suchen sollst, weil ich im Augenblick diesen Gedanken nicht ertrage. Aber ich will, dass du glücklich wirst und dass du weitermachst, wenn schon nicht für mich, dann für Gabriel und wenn es irgendwie geht, dann behalte auch Lucy im Auge.
Ich war oft anstrengend und verbohrt, wollte recht behalten und habe viel verlangt. Das tut mir leid, aber glaube mir, ich habe es nie böse gemeint. Auch wenn es nicht immer zu erkennen war, ich liebte dich. Kümmere dich um alles und mache unser Leben zu deinem. Werde glücklich, denn nur wenn du glücklich bist, kannst du dich richtig um unseren Sohn kümmern, kannst dafür sorgen, dass auch er glücklich groß wird. Erzähle ihm von mir, lass ihn vielleicht auch einmal dieses Tagebuch lesen, wenn er denn will. Du warst die Frau, mit der ich alt geworden wäre. Eine starke, intelligente und verdammt hübsche Frau. Ich liebe dich.

 

Achim Reibach
 
 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
#1000tode #tod #sterben #trauer

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