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Das Krankenhaus ruft an: „Ihre Mutter ist vor einer Stunde friedlich eingeschlafen.“ Das Letzte, was ich von ihr hörte, war: „Da muss ich halt jetzt durch.“ Sie sprach diesen Satz ins Telefon, während sie mit den durch einen Herzinfarkt ausgelösten Schmerzen kämpfte. Wie vertraut dieser Satz aus ihrem Mund war. Ein Lebensmotto, das sie in ihrer Jugend durch Kriegs- und Fluchterfahrung geleitet hatte. Zur Floskel erstarrt, ein Muster, das auch im Todeskampf wie von selbst aus ihr herauskommt. Und ich versuchte ziemlich unbeholfen, ihr Beruhigendes, Liebevolles zu sagen. „Streng dich nicht an, entspanne dich, alles Liebe …“. Ich erreiche sie nicht, gar nicht – wie so oft –, aber ich ahne, dass ich ihre Stimme wohl das letzte Mal hören werde.

Wir haben uns eigentlich nie gut verstanden und damit meine ich jenes Verstehen, dass man sich gegenseitig auch über unterschiedliche Haltungen zum Leben hindurch die Liebe spüren lässt. Wir waren füreinander nie wirklich erreichbar.
Das Ungelöste, Unverstandene in unserer Beziehung schmerzt noch immer sehr, auch jetzt, während ich schreibe.

Beide haben wir immer wieder hilflose Versuche unternommen, uns einander zu nähern, die meisten davon endeten im Desaster. Dieses Scheitern anzunehmen, anzuerkennen, dass es so elementare Dinge wie eine gute Tochter-Mutter-Beziehung in meinem Leben nicht gibt, dass die Beziehung schlicht missglückt ist – nun unwiderruflich –, das fällt mir schwer.

Ich habe zwischen meinem dreißigsten und fünfzigsten Geburtstag viel Zeit damit verbracht, diese unglückliche Beziehung zu durchleuchten, das Problem verstehen und meine Mutter lieben zu wollen. Ich weiß nicht genau, was wir ins Leben mitbringen und welcher Anteil Erziehung ist. Jedenfalls hatte ich oft den Eindruck, dass wir von zwei unterschiedlichen Planeten kommen. Sie: angepasst und ängstlich. Ich: rebellisch und mutig, manchmal auch übermütig. Sie: Verdrängungskünstelerin! Ich: Forscherin, manchmal bis ins Besessene. Ich könnte immer so weitermachen mit den Gegensätzen. Aber das führt nicht weiter, denn das Entscheidende ist: Wir konnten uns beide nicht in die andere einfühlen. Und vielleicht wollten wir das auch nicht. Jedenfalls dachte ich, ich hätte mich so sehr von ihr gelöst, dass sie in meinem Leben keine Rolle mehr spielen würde.

Jetzt beobachte ich Dinge, die ich nicht für möglich gehalten hätte.
Seit sie gestorben ist – wir haben sie würdevoll verabschiedet, würdevoller, als sie und ich je im Leben miteinander waren – bemerke ich, wie stark sie in meinem Inneren präsent ist.

Ausgelöst wurde diese Rückkehr meiner Mutter in mein bewusstes Denken und Fühlen wohl auf der Trauerfeier. Der Pfarrer sprach, durch mich mit Informationen über meine Mutter ausgestattet, von deren Leben. Aus seiner Distanz berührten mich die Worte vom leidgeprüften und schwierigen Leben dieser Frau, die meine Mutter gewesen war.

Seitdem denke ich sie ständig mit. Auf einmal nehme ich Nachrichten aus dem Süden Deutschlands, wo sie lebte und wo ich aufgewachsen bin, viel mehr wahr. Plötzlich bemerke ich die dauernd nebenherlaufende Frage, wie würde sie das sehen? Gerade jetzt, wo Nazis wieder massenhaft auf den Straßen sind, ist mir ihre Vergangenheit als BDM-Mädchen schmerzlich bewusst. Dass sie sich nie deutlich und klar von dieser Vergangenheit distanzierte, habe ich ihr nicht verzeihen können.

Sie ist da, mehr, als sie es zu Lebzeiten war. Sie würde Pegida gut finden. In einem unserer letzten Gespräche meinte sie, es müsste doch etwas zwischen Diktatur und Demokratie geben, so ginge das doch nicht weiter. Sie ist mein Maßstab, mir Menschen, die diesem rechten und nationalistischen Zeug hinterherlaufen, vorzustellen. Sie ist es aber auch, die plötzlich wieder streng aus mir blickt, wenn ich meine Unordnung in der Wohnung anschaue. Vielleicht wird es mir aber auch jetzt erst wirklich deutlich. Das also heißt es, wenn man sagt, die Toten leben in uns weiter.
Mittlerweile ist sie in mir wieder blasser geworden, aber ich bin dankbar, dass Mutter mir mit ihrem Tod, wenn auch auch auf eigenartige Weise, doch noch nahegekommen ist.

 
Ursula Bub-Hielscher
 
 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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