313

Am 27. Oktober 1964 stieg Fred Herko aus der Badewanne.

Ich stelle mir seinen feinen und muskulösen Körper dampfend vor. Ich sehe seine glatte Haut. Sein guter Freund Johnny Dott tat irgendwas, was ein Mensch in seiner Wohnung so treibt. Er saß herum, vielleicht spülte er, las ein Buch.

Aus den Boxen donnerte Mozarts Krönungsmesse.

Herko begann zu tanzen.

Zu dieser Zeit war er sechsundzwanzig Jahre alt, wohnungslos und Mitbegründer zweier Performance-Kollektive.

Dott schaute ihm zu.

Immer wieder nahm Herko Anlauf und rannte auf das geöffnete Wohnzimmerfenster zu. Einige Tage zuvor hatte er von einer Suizid-Performance gesprochen.

Ist sie das?, fragte Dott sich.

Der Chor aus den Boxen klang wie ein Aufschrei.

Heilig, heilig, heilig, Gott, Herr aller Mächte und Gewalten.

Bei seinem letzten Anlauf setzte Herko zu einem perfekten Ballettsprung an, seine Arme ausgestreckt, der Rücken gebogen, flog er grazil durch das Fenster und landete fünf Stockwerke tiefer auf der Cornelia Street.

Wenn ein Tänzer durch ein Fenster springt, entsteht beim Zuschauer der kurze Eindruck, dass das funktionieren kann.

Tänzer scheinen fliegen zu können.

Ein fast unsichtbar kleiner Funken Glauben entspringt in diesen wenigen Sekunden. Dott war der einzige Zuschauer, auf den er überspringen konnte. Passanten auf der Cornelia Street wären ebenso wenige Sekunden geblieben, das Selbe zu spüren. Einen nackten männlichen Körper, der in Anmut durch ein Fenster geflogen kommt. Sie würden nicht mehr die Gelegenheit erhalten, ihren Blick von diesem feenhaften Flug zu lösen.

Die meisten dürften es wohl erst bemerkt haben, als sie ein lautes Klatschen und Knacken hörten.

Als ihre Körper sich instinktiv, von allein, dem Performer zugewandt hatten.

Zu spät. Als das Wunder längst geschehen war. Dass Herko genau wusste, wieso seine Performance genau hier endete, stimmt vielleicht gar nicht. Möglicherweise war es auch LSD, eine durch sein Tanzen oder die Musik erzeugte Vergessenheit, eine Depression.

Ein einzelner Tod hat unzählige Sichten auf ihn, alle Tode zusammen sind eine unerzählbare Geschichte.

Mal ist er eine marineblaue Silhouette gewesen, die einem mit kalter Hand alles wegriss, an das man sich hätte klammern wollen auf dieser Welt, mal ist er ein Segen für diejenigen, die er mit einladend lichtweißer Hand zu sich lädt. Oft auch war er schon eine Rettung für die, die endlich jemanden loswerden konnten.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass es genau jetzt geschieht und ich einfach vergesse, wie man lebt.

So wie man im Traum die Fähigkeit zu laufen verliert. Ich beherrsche mich nicht. Ich habe nichts im Griff. Ich muss mich darauf verlassen, dass es von selbst geschieht. Atem ist der spürbarste und gegenwärtigste Teil dessen, was ich nicht kontrollieren kann.

Mein Leben ist nur der kleinste Teil meiner Ewigkeit.

Die Ewigkeit ist das Futter meiner Angst. Heilig, heilig, heilig ist mein Aufschrei. Gib mir einen Gott gegen die Einsamkeit und einen gegen die Leere. Erlöse mich von den Götzen. Heilig unser Atem wie ein Leihgut, das du nicht zurückgeben willst. Heilig die Momente ohne Angst. Heilig die Verbindung zwischen dir und mir. Und dir und ihr. Und ihr und ihr und mir.

Selige Sekunden, immer bloß ein Funken.

Ich will hinsehen, wenn dieser Funke überspringt.

Ich will ihn riechen, ich will das Begreifen, kurz bevor etwas passiert, die Millimomente der Sicherheit, dass alles gut gehen wird, das Spiegeln meines Vertrauens in deinen Augen, während das Unausweichliche geschieht, von dem wir alle wussten, dass es so kommen musste.

Ich will keine Zuschauerin sein.

Ich habe Angst, eine von denen zu sein, die erst hinsehen, wenn das Wunder bereits geschehen ist. Oder eine von denen, die nicht loslassen und kein einzelnes Jetzt, genau das hier, genau jetzt kennen. Ich will nicht die Einsamkeit derer, denen gar nichts heilig ist.

Ich will die Performerin sein, die sich selbst von ihrer Fähigkeit zu fliegen überzeugt.

Ich will loslassen und mir zusehen dabei, wie ich Teil werde von etwas, das ich nie begreifen werde. Wie ich immer kleiner werde und etwas anderes immer größer und heiliger. Ich bin nur ein Funken in einem engmaschigen elektromagnetischen Netz.

Ein Leben als Anlauf in die Ewigkeit. So soll es sein.

 

Meike Büttner

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
#1000tode #tod #sterben #trauer

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.