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„Brems! Brems!!“, kreischt da jemand hysterisch durchs Autoinnere. Dabei ist doch nicht wirklich etwas los, der kleine Fiat ist nur in der Kurve auf dem Blitzeis ausgerutscht und schlittert jetzt wie ein übergroßer Eishockeypuck über den gefrorenen Waldbodenrand auf die Bäume zu, die ihn sowieso bremsen werden. Brutal bremsen, bei unserer Geschwindigkeit. Wir sitzen zu viert im Wagen, auf dem Rückweg von unserer geliebten Freakdisse, zwei jüngere Mädchen, die ich noch nicht kenne, und ich. Ich sitze neben dem Fahrer, Bernd. Der Ruhige, der nie trinkt und immer fährt, und der immer auch die mitnimmt, die keine Fahrer haben und in unsere Richtung müssen, wie die beiden Mädchen auf dem Rücksitz gerade. Zu seinen Gunsten hoffe ich, dass ich die sein werde, die direkt in den Baum knallt, nicht er. Schreckt mich gar nicht, der Gedanke, im Gegenteil. Tot, weg, Ende – warum nicht jetzt? Ich brauche mich nicht, ich bin mich nur gewohnt. Denke ich, dass ich denke, in den unendlich langen Sekunden bis zum Aufprall, in denen man erst richtig merkt, wie schnell Gedanken sind. Wie sie fliegen und das rollende, rutschende Auto unfassbar langsam erscheinen lassen.

Erstaunt stelle ich fest, dass ja ich es bin, die schreit. Nein, nicht ich, mein Körper, ganz gegen meinen Willen. Ich kann es nicht sein, die dieses blöde hysterische Gekreisch ausstößt, wirklich nicht! Aber die Mädchen auf der Rückbank auch nicht, die sind stumm vor Schreck. Ich, bewusst, bin doch ganz ruhig und völlig im Einklang mit diesem Ende, das mir in Gestalt des Baumes entgegenrast; nur mein Körper ist es ganz und gar nicht. Der hat auf Überlebensmodus geschaltet und tut jetzt das, was ihm bleibt: kreischen. „Brems! Brems!“ – ist doch sinnlos, denke ich genervt. Als ob Bremsen jetzt irgend etwas ausrichten könnte! Auf Eis! Was soll der Mist also? Warum dieser Aufstand? Warum habe ich das nicht unter Kontrolle? Warum kann ich – oder es, was immer es ist, das da schreit – nicht einmal in meinem wahrscheinlich letzten Moment einfach die Klappe halten?

Das Verrückte: dass Bernd sofort darauf reagiert und mit voller Kraft die Bremse durchtritt. Das Verrücktere: der Wagen kommt tatsächlich zum Stehen. Stehen, nicht ausbrechen, rutschen oder schlittern, und das auf dem laubbedeckten überfrorenen Waldboden. Einen Meter vom Baum entfernt. Ein Wunder. Drei von uns atmen erleichtert aus. Ich bin keine von ihnen.

Vorsichtig fährt Bernd rückwärts, bis er den Wagen wenden kann und wieder auf die Straße einbiegt. Hinter uns bauen die Mädchen ihren Schock mit aufgeregtem Geschnatter ab. Ich starre auf die schnurgerade verlaufende vertraute Straße und die regelmäßig vorbeiziehenden Lichter der Straßenlaternen – und gewöhne mich mit leiser werdendem Bedauern daran, dass es doch weitergeht. Oder weiterfährt, in diesem Fall.

 

Ute von Unten

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
#1000tode #tod #sterben #trauer

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