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Wenn der Tod kommt, dachte ich immer, geht alles ganz schnell. Ihre Atmung ist langsam. Ihr Mund halboffen. Seit zwei Tagen sagen sie, dass es jeden Moment vorbei sein kann. Eigentlich sagen sie das schon seit Wochen. Ich sitze ihr gegenüber. Sie liegt bis zum Kopf unter einer weißblauen Decke. Ihr Kopf liegt auf einem weißen Kissen. Als sie eingeliefert wurde, wog sie um die siebzig Kilo, jetzt müssten es etwa sechzig sein. So genau weiß man das nicht, gewogen wird sie nicht, ist ja auch nicht nötig. Sie hat keine Haare mehr. Nicht, dass sie früher viele gehabt hätte. Trotzdem hat sie geweint, als ich sie ihr abrasierte und ich auch. Bevor sie in diesen Dämmerzustand gefallen ist, konnte sie ihre Augen noch öffnen – gläsern mit einem leichten Gelbstich, ganz genau erinnere ich mich nicht mehr, vielleicht waren sie auch einfach nur dumpf. Zwischendurch waren ihre Augen auch leicht verkrustet. Ich habe ihr dann Augencreme draufgeschmiert, das fand sie meistens unangenehm und sie hat ihr Gesicht verzogen. Jetzt verzieht sie ihr Gesicht nicht mehr. Manchmal atmet sie lauter aus und ich denke, das ist es jetzt gewesen. Das denke ich schon seit neun Monaten, mit der Diagnose. Bei manchen schlägt die Behandlung an, bei einigen nicht. In diesem Fall, kann ich nur hoffen, hatte der Arzt gesagt. Im Nachhinein wirst du dich über jeden Moment, den du mit deiner Mutter noch hattest, freuen, sagen sie. Manchmal schlafe ich im Stehen ein, nachts schaue ich mir Serien an. Mein Handy ist immer auf laut gestellt. Manchmal rufen sie an und ich denke, das war es jetzt. Wie der Arzt es mir gesagt hat, als sie hier hingekommen ist, Jeden Moment kann sie sterben, vielleicht tut sie es gerade, während wir hier sitzen. Wenn sie anrufen, schlägt mein Herz nicht schneller. Nur das eine Mal, drei Tage vor meinem Geburtstag, Es wird nicht mehr lange dauern, Sie sollten kommen, hatten sie gesagt. Das war vorgestern. Neben mir auf dem Tisch liegt ein rotes Buch – über den buddhistischen Umgang mit dem Tod, hatte meine Tante gesagt, lies es mal, ist wirklich schön. Ich habe kein Wort verstanden. Mein Gehirn hat angefangen abzubauen. Wenn sie tot ist, werden sie vor ihrer Tür eine Kerze anzünden, auch am Eingang – eine große, so wie das Leben oder weil es schön aussieht. Auf jeden Fall sieht es schön aus, wenn man reinkommt. Ich weiß allerdings auch nicht, wie der Eingang ohne brennende Kerze aussieht. Als sie mich anriefen, war ich arbeiten. Ein Kollege meinte, warum ich überhaupt da sei, wo jeder Moment doch zählt. Und ich packte meine Sachen und ärgerte mich, dass ich den Artikel nicht zu Ende schreiben konnte. Und überhaupt, was weiß der schon. Wenn sie morgen stirbt, bin ich sauer, deshalb flüstere ich von Zeit zu Zeit in ihr Ohr, dass sie das nicht tun soll. Natürlich werde ich nicht sauer sein. Ich streiche über ihren Kopf, die Stoppeln kitzeln leicht. Aber das bekommt sie nicht mit. Sie ist irgendwo zwischen den Welten und atmet sich noch aus.

 

Lara Sielmann

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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