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Ich fand ihn dort, wo ich am wenigstens gesucht hatte.

Drei Jahre lang schrieb ich dem Tod nahezu täglich und er antwortete mir.

Wir redeten viel über das Leben, aber noch mehr über das Sterben und wie es wäre, einfach nicht mehr da zu sein. Ich kannte ihn nicht und doch wusste er mehr über mich als die meisten Menschen. In unseren Nachrichten konnte ich mir ein Zuhause bauen.

Einen Ort, wo es in Ordnung war, nicht mehr da sein zu wollen. Unserer Schreiben war meine Insel im endlosen Meer aus zwanghaftem Lächeln und Worten, die keiner sagen durfte.

Wer der Tod war, kann ich bis heute nicht sagen. Als ich mich wieder über Wasser halten konnte, war unsere Insel verschwunden und er mit ihr. Lange habe ich nach Spuren gesucht, aber es ist nichts übrig geblieben.

Der Tod ist mir fremd geworden.

Das größte und tragischste Happy End meines Lebens.

 

Tanja Kollodzieyski
 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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