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Jeder Blutstropfen blitzt wie eine Erinnerung auf die Kacheln. Jedes Luftholen nähert sich schrittweise dem vorprogrammierten Ende. Das Atmen fällt schwer. Die Muskulatur entwickelt ein Eigenleben: Sie zittert und erschlafft unrhythmisch, wechselt sich ab mit kurzfristigen stabilisierenden Momenten.
Speichel läuft die Seite entlang und erreicht das Kinn.
Die Abstände zwischen den Atemzügen nehmen zu. Betäubt und schmerzfrei zieht sich der Übergang ins schleierhafte Dunkel. Das linke Auge blinzelt und leitet Bruchstücke der Realität ans Gehirn weiter: Ein dunkler Raum, ein harter Boden, bäuchlings liegend, frierend.
Ein hohes Summen erreicht das rechte Ohr und verstummt. Dumpf folgt ein Stich, kurz darauf breitet sich ein Jucken aus.
Welche Ironie in diesem Augenblick. Die Muskulatur gehorcht nicht und hat ihren Zweck erfüllt.
Ein Lächeln möchte sich aufs Gesicht abzeichnen. Es ähnelt einer Fratze.
Die Atmung setzt erneut aus, die Luft strömt unaufhaltsam aus den Lungen.
Stille.
Der Speichel tropft vom Kinn und vermischt sich mit dem Blut.
Tränenflüssigkeit füllt die starren Augen. Als dünne Oberfläche spannt sie sich, zerplatzt und läuft die Wangen hinab. Vermischt sich mit dem Speichel.
Die Muskulatur bäumt sich auf. Ein Lebenszeichen. Reflexartig hebt sich der Brustkorb. Ein tiefer Atemzug.
Vielleicht eine weitere Minute.
Vielleicht zum letzten Mal.

Eine Tür wird geöffnet. Neonlicht blendet die blinzelnden Augen, hallender Lärm verzerrter Gitarren und wehleidigen Geschreis dringt ans Ohr.

Töte, töte, töte,
bis die Albträume versiegen.
Schieß, schieß, schieß,
bis die Gedanken verstummen.

Die Tür fällt ins Schloss und sperrt den Lärm aus. Ein neues Geräusch. In langen Abständen folgt ein Tappen dem nächsten.
Schritte nähern sich. In dieser Ewigkeit des Momentes. Als das Bewusstsein erlischt.

 
Rudolf Arlanov
 
 
 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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