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Auf dem beschaulichen Friedhof einer Vorstadtsiedlung leuchtet weiß ein Holzkreuz. Es ist offensichtlich, hier wurde jemand erst jüngst bestattet. Der Name ist als Erstes zu erkennen: ein Frauenname, fast möchte ich sagen ein Mädchenname. Manche weiblichen Namen wecken ja unweigerlich das Bild einer jungen Frau, was natürlich Unsinn ist, denn auch Frauen mit mädchenhaftem Namen werden einmal alt.

Diese allerdings nicht. Sie ist tatsächlich als junge Frau gestorben, noch keine fünfundzwanzig Jahre alt, wie ich beim Näherkommen entziffere. Ein Urlaubsfoto ist an das Holz geheftet, es zeigt einen fröhlichen, fast tanzenden Menschen. So lebendig war diese Verstorbene also einmal – erst vor Kurzem noch –, und so jung ist sie vergangen.

Das Kreuz berührt mich so, dass ich, ohne eigentlich zu wissen wozu, den charakteristischen Namen der Fremden in mein Smartphone eintippe. Es erscheint sofort ein Treffer, ihr Name in Verbindung mit dieser Stadt, eine Facebook-Seite. „Wohnt in Stuttgart. In einer Beziehung“ ist da zu lesen.

Das Porträtbild der Seite ist schwarz. Darunter steht (wie üblich frei einsehbar) ein Änderungsdatum, das Bild wurde vor nicht langer Zeit geändert. Ich stutze, gehe zurück zum Grab und vergleiche den Todestag mit dem Facebook-Datum: Eine Woche liegt zwischen beiden. Kein Zweifel, es muss sich um die Tote handeln. Ihr Freund oder ein enger Verwandter hat ihr altes Porträt gelöscht und durch eine schwarze Fläche ersetzt, den Account jedoch als Erinnerung belassen. Hier lebt sie noch – als digitales Memento Mori für ihre Freunde, unhinterfragt für Uneingeweihte.

„Wohnt“, lese ich noch einmal auf dem Display. „Wohnt in Stuttgart. In einer Beziehung“. Zwei kurze Sätze, die eine Gegenwart verkünden, die es nicht mehr gibt. Etwas schnürt mir die Brust zu. Ich stecke das Smartphone weg, setze mich auf eine Bank und blicke ins Leere.

Als ich den Kopf wieder hebe, fällt mein Blick genau auf das Grab eines jungen Mannes. Er wurde achtundzwanzig Jahre alt.

 

Holger Epp

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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