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Es ist eine bösartige Krankheit, hatte der Arzt vor sechzehn Jahren nach der Punktion gesagt. Das Wort Krebs lese ich erst im Internet, als ich „Morbus Hodgkin“ googele. Ich kann ihn nicht fühlen, aber ich habe ihn auf dem Röntgenbild gesehen: Mitten in mir drin, neben dem Herzen, sitzt ein großer Klumpen krankes Gewebe und wächst. Nicht nur da, auch in der Achsel und am Hals. Als hätten sich unbemerkt Ratten in mir eingenistet. Meine Freundinnen sind schwanger und mich frisst dieser schwarze Krebs von innen auf.

Chemo, natürlich, und Bestrahlung. Ein Freund bringt mir einen Bildband über Lady Di ins Krankenhaus. Soll ich etwa auch sterben? Warum ich? In der Radiologie treffe ich Menschen, die nur noch palliativ bestrahlt werden und halb tot in Rollstühlen hängen. In meinem Zimmer stirbt eine Vierzigjährige, zwei kleine Kinder, an Gebärmutterkrebs. Mein Krebs sei gut heilbar, heißt es. Warum ich? Warum komme ausgerechnet ich davon?

Schockiert bin ich, als mir die Haare plötzlich büschelweise ausgehen. Bald sind auch Augenbrauen und Wimpern weg. Die Leute schauen mich an, als sei ich der Tod höchstpersönlich. Ich kapsele mich ein. Die anderen kapseln mich aus. Ich sehe an den Blicken, dass mich manche schon abgeschrieben haben. So ein Jammer, so jung, sagen sie. Ich stürze mich in die Beziehung zu einem Arzt. Wir reisen zwischen den Chemo-Zyklen ins Engadin und nach Rom (ich mit Mundschutz und extravaganten Hüten).

Dann ist die Behandlung abgeschlossen. Erfolgreich, heißt es. Freispruch auf Bewährung. Beim Abschied empfiehlt die Ärztin zusätzlich zur üblichen Nachsorge gynäkologische Checks – man habe festgestellt, dass ein Tumormarker erhöht sei. Ich solle mir keine Sorgen machen, man untersuche das nur bei Privatpatienten.

Mir rutscht der Boden unter den Füßen weg, ohne dass es jemand merkt. Will weg von diesem Leben, über dem schon wieder ein Fallbeil hängt. Prügele mich durch den Uni-Abschluss, laufe täglich zehn Kilometer, werde immer dünner. Steht dir gut, sagt eine Bekannte. Der Tod steht mir gut, ich laufe ihm entgegen.

Zeit vergeht. Ortswechsel. Die Abstände zwischen den Nachsorgen werden länger. Mein Leben füllt sich mit Normalität: Beruf, Mann, Kinder, Doppelhaushälfte im Grünen. Bis zu dem Tag vor sechs Jahren. Wochenlang seltsame Kopfschmerzen, es ist nichts, sagt der Hausarzt immer wieder. Dann Notaufnahme in der Klinik, Kernspin. Die Kinder sind im Kindergarten, die Sonne greift grell in die stickige Luft des Warteraums. Da ist was, was da nicht hingehört, sagt der Assistenzarzt. Nichts Bösartiges, wahrscheinlich. Am besten bleiben Sie gleich da. Aber ich muss die Kinder abholen, sage ich. Das können Sie nicht, sagt der Arzt.

Das, was da ist, ist ein Tumor mitten im Kopf. Gutartig, aber schnell wachsend und dank moderner Technik operabel. Zwei Stunden lang bahnen die Neurochirurgen mit endoskopischem Gerät den Weg durch meine Nase, bohren sich durch Knochen und kratzen den Tumor aus meinem Kopf. Ich habe dem Arzt gesagt, dass ich nicht mehr leben will, falls bei der OP etwas schiefgeht. Inzwischen gehen die Kinder draußen mit Oma, Opa und Papa spazieren. Welch ein Verrat, wenn ich jetzt einfach aus ihrem Leben verschwinde.

All das ist Jahre her, ich führe ein normales Leben. Wie also endet diese Geschichte? Ich bin sterblich, wie ihr. Aber ich spüre manchmal, wie ein Schatten hinter mir herschleicht. Und wie die auf Widerruf gestundete Zeit verrinnt. Wie der Sand steigt. Dann gehe ich hastiger.

(Schluss frei nach Ingeborg Bachmann)

 
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Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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