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Langsam beruhige ich mich. Wenn Tante Waltraud sagt, Mama hat sich den Arm gebrochen und will ihre große Tochter bei sich haben, wird es so sein. Ein ungutes Gefühl bleibt. Die beiden Erwachsenen sprechen nicht viel, die ganze Fahrt über nicht. Und so kreisen meine Gedanken um das, was sein könnte. Endlich sind wir zu Hause und ich freue mich jetzt, alle wiederzusehen. Anita begegne ich draußen und sage froh gelaunt Hallo. Sie will wissen, ob ich nicht traurig bin.

„Wieso?“

„Wegen Mama?“

Ach so. Ein Armbruch ist nicht so schlimm, dennoch antworte ich: „Doch.“

Die Tür geht auf und die Küche ist voller Personen.

Alle tragen Schwarz.

Das kann nicht sein! Es darf nicht sein! Meine Lieblingstante würde mich nie anlügen! – Oder?

„Wo ist Mama?“ Ich kann nicht verhindern, dass Panik in meiner Stimme mitschwingt.

„Marianne, du musst jetzt stark sein.“ Mein Vater! Aber ich denke gar nicht daran. Ich will nicht stark sein! Ich will zu meiner Mutter.

„Ich will zu Mama!“

„Komm mit mir“, bittet mein Vater und zieht mich aus dem Raum. Wir gehen ins Elternschlafzimmer. Ich sehe das Fahrrad, das ich in ein paar Tagen zum Geburtstag bekommen werde. Mit zwölf will man kein Kinderfahrrad mehr. Es ist rot! Dabei weiß jeder in meiner Familie, dass meine Farbe Blau ist.

Warum mache ich mir ausgerechnet jetzt Gedanken über die Farbe?

„Mama und ich hatten einen Unfall.“

„Das hat Tante Waltraud mir schon gesagt. Wo ist Mama? Liegt sie noch im Krankenhaus? Können wir sie besuchen?“

„Nein, meine Große. Sie ist tot.“

Ich heule, will es nicht wahrhaben. Es ist meine Schuld! Wäre ich nicht alleine in die Jugendfreizeit gefahren, würde sie noch leben! Ich hätte auf sie aufgepasst. Sie kann nicht tot sein.

Der Tod ist so endgültig. Ich liebe sie doch! Ich sehe am Blick meines Vaters, dass es wahr ist, egal wie sehr ich mich dagegen sträube.

„Wisch dir das Gesicht. Wir müssen zu den anderen zurück.“

Die anderen sind mir scheißegal! Ich will meine Mama! Und ich will wissen, was genau passiert ist. Ist sie davongelaufen? Das hat sie schon zweimal versucht. Beim ersten Mal hatte Rolf sich verbrüht und musste zum Arzt, beim nächsten Versuch war Papa früher von der Arbeit gekommen. Ich hatte keinen Schimmer, warum sie weg wollte, aber es hatte mir einen Stich versetzt, dass sie uns, meine Geschwister und mich, zurücklassen wollte. Sie hätte uns nachgeholt. Bestimmt!

„Was war das für ein Unfall?“

„Mit dem Auto.“

„Wie kam es dazu?“

„Es tut mir leid, das kann ich dir nicht sagen. Ich hatte eine Gehirnerschütterung und die Erinnerung an die Nacht ist weg.“

Echt toll! Und das soll ich glauben? Ob er getrunken hatte? Sicher. Und so will er sich reinwaschen.

Warum, Gott? Warum konntest du nicht ihn nehmen, wenn du mir einen Elternteil klauen musst? Bitte mach das rückgängig! Du kannst doch alles. Ich will meine Mama zurück!

„Komm, die anderen warten auf uns. Du bist doch ein großes Mädchen. Lass uns gehen.“

Ich würde die Sippe am liebsten davonjagen. Aber ich bin brav und tue, was erwartet wird.

 
Marianne Labisch

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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