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Oesterreicherstraße in Augsburg Oberhausen. Seit über sechzig Jahren wohnt die Oma hier, in dieser kleinen Straße, bestehend nur aus fünfkantigen, dreistöckigen, heute bonbonfarbenen Häusern, seit über sechzig Jahren gehört sie zum Bild dieser Straße, kennt ihre Geschichten, ist selbst eine von ihnen. Viele sah sie kommen und gehen (auch mich), viele lernte sie kennen und vergaß so manchen wieder.

Diese hundert Meter Asphalt mitsamt ihren Hinterhöfen sind auch meine Kindheit. Unvergessen der sonnige Samstagnachmittag, an dem ich auf des Freundes Rad Fahren lernte. Einmal hoch die Straße und wieder zurück und die halbe Oesterreicherstraße stand Spalier und freute sich mit mir. Unvergessen auch die Prügel, die ich zumeist einzustecken hatte, und das mit schrillem Ton bremsende Auto, das mich um ein Haar vor der Nummer 4 überfahren hätte.

Eben diese Nummer 4 gehört der Oma, schon seit kurz nach der großen Inflation zwischen den beiden Weltkriegen. Hinten im Hof stand einst ein blauer Flieder, der den Beginn der Sommermonate anzeigte. Die Zäune hier waren für uns Kinder nie ein ernsthaftes Hindernis. Mühelos schwangen wir uns darüber hinweg, auch wenn es wohl so manch zerrissene Hose gegeben hat.

Schließlich gehe ich ins Treppenhaus, hinter dessen acht Türen sich so viele Geschichten und Schicksale verbergen, von welchen heute nur noch die müden Gesichter alter, auf den Tod harrender Witwen Zeugnis geben. Noch immer schallt hier ihr Klagen über den allzu frühen Tod ihrer Männer und Söhne, ein Leid, das sich jedoch in dieser kummervollen Gemeinschaft stets besser ertragen ließ. So schon, als der Opa lange vor meiner Geburt plötzlich verstarb, und auch, als der Mann der Döttel sich vor den Zug warf, im Glauben, todkrank zu sein. Erst recht, als der Sohn von Fischers betrunken von einem Auto überfahren wurde und bald darauf auch der alte Fischer im Sarg das Haus verließ. Und immer stand die Zurückgelassene schwarz und fassungslos im Treppenhaus, umringt von all den anderen, die ihr Trost zusprachen.

Letzte Woche dann stand die Schröttle vor der Tür der Oma, morgens um acht. Die Worte „I glob, mei Mo isch dot“ kamen ihr über die Lippen, ohne dass sie sich des Gesagten bewusst gewesen wäre. So ging denn die einundneunzigjährige Oma mit in der Nachbarin Wohnung, wo im Schlafzimmer der Tote ruhte. Unerschrocken und mit der den einfachen Leuten eigenen Naivität wandte sie sich an den Toten: „Was is, Herr Schröttle? Kommen S’, Zeit zum Aufstehen is! Es is scho spät.“ Als der Tote sich aber weigerte, wurde die alte Frau etwas mutiger, packte den Verblichenen, der mit dem Rücken zu ihr lag, beim Arm und begann ihn sanft zu rütteln: „Ja jetzt kommen S’, Herr Schröttle! Wer wird denn solang liega bleibn? Aufstehen!“ Doch als sich der Tote auch um diesen Befehl nicht scherte, musste zu härteren Mitteln gegriffen werden. Die auskühlende Leiche wurde auf den Rücken gedreht und mehrfach auf die blasse Wange getätschelt, schließlich gar ihr Kopf angehoben und wieder fallen gelassen. Doch alle Mühe war vergebens. Die Glieder wurden steifer und steifer, die Lippen blau. Alles Zureden half nichts – der Herr Schröttle wollte kein Lebender mehr sein. Ohne so recht zu wissen, warum, mussten die beiden wieder einmal kapitulieren. Die Oma kondolierte, auch wenn die Schröttle sich in ihr Schicksal dieses ganz gewöhnlichen Donnerstagmorgens noch nicht ergeben wollte und dem Tod sein Recht erst zugestand, als er amtlich wurde und der Arzt die Sterbeurkunde unterzeichnete.

An diesem Tag war der Schröttle nochmal in aller Munde. Die ganze Oesterreicherstraße sprach von ihm als einem gutmütigen, liebenswerten Mann, der doch einen schönen Tod gehabt hätte. Seine Frau zog ihm den besten Anzug an, dann Socken und Schuhe, „damit es ihn nicht friert auf seiner letzten Reise“, kämmte ihn und holte das Kruzifix samt zweier Kerzen aus dem Regal, ihm ein schönes Totenbett zu richten.

Nachmittags wurde er dann geholt, von seinen ehemaligen Kollegen – denn er war Leichenfahrer gewesen. Die Oma ging noch einmal mit hinein, ihn ein letztes Mal zu sehen, „bevor s’ den Deckel draufmachn“. Als man ihn in den Sarg legte, verrutschten Jacke und Krawatte, doch die beiden Herren verstanden sich auf ihr Fach und richteten das Gröbste. Die alten Frauen erschraken etwas über die Routine, ließen sich aber nichts anmerken. Dann kam der Deckel und die Reise konnte beginnen. Als man den Sarg im engen Treppenhaus hochstellen musste, um ums Eck zu kommen, dachte die Oma bei sich: „Mei Mo, jetz wirsch aber schee durcheinandageschüttlt!“ Ihr Mitgefühl war ihm sicher in seiner misslichen Lage.

Dies alles und noch mehr erzählte mir die Oma an jenem Nachmittag in ihrer Küche, in der schon seit über sechzig Jahren ein gusseiserner Kohleherd, ein schlichter Tisch mit drei Stühlen und ein großer brauner Küchenschrank stehen, und wo der Herrgott aus seinem Winkel schaut.

 

Oliver Lechlmair

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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