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Es ist ein klarer Wintertag in einem Küstenvorort von Lissabon. Blasses Licht, eine silbern spiegelnde Wasseroberfläche und Sonne. Mit meinem sieben Wochen alten Sohn vor dem Bauch und seiner Mutter an meiner Seite spaziere ich auf einer Uferpromenade vorbei an kleinen Kies- und Sandbuchten, Riffen und Wellenbrechern. Es ist ein Feiertag. Wir sind Teil einer fröhlichen, richtungslosen Völkerwanderung. Bis zum Tod meines Hundes zwei Wochen vor der Geburt meines Sohnes war ich so gut wie jeden Tag hier unterwegs. Am Morgen, bevor ich den Hund einschläfern ließ, sind wir deshalb auf die Brache oberhalb der Promenade gefahren und haben uns beim Sonnenaufgang über dem Rio Tejo von ihm verabschiedet. Wir haben viel geweint in diesen Tagen. Aber es ging vorbei. Die Flöhe, die auf der Suche nach Blut ihren angestammten Platz im Wohnzimmerteppich verließen, haben wir vergiftet. Die letzten Hundehaare haben sich in die verlorensten Ecken unserer Wohnung zurückgezogen. Den angebrochenen Futtersack, die Decken, Näpfe und Bürsten haben wir dem örtlichen Tierheim gestiftet. Stillschweigend sind wir davon ausgegangen, dass der Tod unseren Alltag wieder verlassen hat.

Tatsächlich ist er aber immer dabei. An diesem Tag macht er dezent, aber gerade dadurch nachdrücklich auf sich aufmerksam. Der erste Fingerzeig ist ein Polizist, der in der Mitte des Spazierwegs steht. Er raucht, sein Ausdruck changiert zwischen Unverbindlichkeit und einer Ahnung von stiernackiger Wichtigkeit, in erster Linie wirkt er nutzlos. Hinter ihm ist der Weg von Granitquadern begrenzt, oberhalb davon ein mediterranes Nadelgehölz, dann eine Felswand. Vor ihm laden zwei Reihen kniehohe Sitzstufen zum Verweilen mit Meerblick bis zum Horizont. Wir gehen an dem Polizisten vorbei. Was Polizisten betrifft, haben meine Jugend als Kiffer und meine Zeit als Halter eines Pitbullmischlings mich dünnhäutig gemacht. Im Vorübergehen schenke ich ihm einen unterschwellig abschätzigen Blick. Ein paar Schritte weiter behauptet meine Partnerin, auf den Stufen hätte etwas gelegen, das eigentlich nur eine Leiche sein konnte. Ich schaue mich um, aber aus meiner Perspektive ist nichts mehr zu erkennen. Die Möglichkeit, dass wir eben ein paar Meter an einem Toten vorübergegangen sind, will nicht zu diesem Tag und unserer Situation passen – wir sind so überwältigt vom Leben, froh, unseren Alltag in dieser zauberhaften Ecke der Welt verbringen zu dürfen, uns zu haben. Wie ein unbeteiligter Insolvenzverwalter analysiere ich die unvermittelte Präsenz des Todes. Wahrscheinlich wurde der Leichnam noch nicht identifiziert. Bestimmt wurde noch kein Hinterbliebener benachrichtigt. Außer dem Verstorbenen, dem Polizisten, seinen Kollegen und Vorgesetzten, dem Angler, Meeresfrüchtesammler oder Läufer, der den Leichnam gefunden hat und den Leuten aus seinem Umfeld, hat dieser Tod noch kaum jemanden berührt. Er wird seine volle Wirkkraft erst noch entfalten.

Als wir auf dem Rückweg wieder an dem Polizisten vorbeikommen, hat sein Ausdruck sich zugunsten der Unverbindlichkeit gewandelt. Auf den Stufen liegt tatsächlich ein weißer Plastiksack. Ich frage den Polizisten, ob sich eine Leiche darin befindet. Er bejaht. Ich frage, bestimmt etwas dümmlich, ob die Leiche im Wasser getrieben hat. Er bejaht wieder. Mein Mund wird trocken. Ich schließe mit meiner Partnerin auf und erzähle, nach der Todesursache gefragt, hätte er „coração partido – gebrochenes Herz“ gesagt. Sie findet das nicht lustig. Ich drehe mich nochmals um und beobachte die Passanten. Offenbar bekommt keiner mit, dass sich auch in diesem perfekten Tag ein kleiner Fehler versteckt hat. Ich halte eine Hand vor die Nase meines Sohnes. Sein Atem geht tief und gleichmäßig.

 

Wolf Schmid

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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