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Ihre braunen fünfundfünfzigjährigen Augen schauen konzentriert, ihr ganzer Körper hört mir wachsam zu und ich rede. Meine Worte sind hohl und ergeben vermutlich doch einen Sinn. Sie fliegen weg aus meinem Mund in den Raum, hallen wider von den neonweißen Wänden, tanzen hin und her. Komm zum Punkt. Es kann sein, dass er es nicht schafft.
Wir blicken auf ihn, den Körper, der da liegt, massig, das Gerät drückt Luft durch den Tubus und es sabbert ein bisschen.
„Wir schauen morgen weiter“, sage ich, „ich lasse Sie jetzt allein.“ Katrin kommt vorbei und fragt, ob sie dem in der Drei Novalgin geben kann, ich nicke.

Am nächsten Nachmittag ist nichts anders. Am übernächsten auch nicht.
Die Wahrheit formiert sich, ballt sich und wird unabwendbar. Besuchszeit, 16.30 bis 17.30 Uhr: Ihre braunen fünfundfünfzigjährigen Augen hören mir zu und erstarren für einen Sekundenbruchteil, als ich sage, dass er nicht mehr aufwachen wird. Es öffnet sich eine weiche, endlose Tiefe in ihren Augen und im Erkennen der Unwiederbringlichkeit liegt ein ungläubiger Schmerz. Dann geht ein Ruck durch ihren Körper und sie hört wieder zu, ist wieder da. Meine Worte kommen mir jetzt sinnhafter vor, technisch, konkret, informativ. Ich brauche die Füllwörter nicht mehr, um die Nacktheit der Wahrheit irgendwie zu drapieren, und es tut auch nicht mehr so weh.

Sie ist tapfer. Und ich bewundere sie, in diesem Moment wie auch in den nächsten Tagen. Sie muss sich von nun an kümmern, um alles. Es den Kindern sagen, entscheiden, wie es weitergeht, jetzt und auch später. Durch alle diese Fragen durchfinden, Leben oder Sterben, Gehenlassen oder nicht. Wie lange lebt ein Mensch ohne Nahrung, muss er leiden, was kann er spüren … Der blöde Pfarrer in seinem schwarzen Gewand kommt vorbei. Vielleicht kann er ihr ein bisschen helfen. Er hat Zeit für den Tod, ich nicht. Ich ignoriere die Tode, bis sie mich wieder einholen, wenn ich Zeit habe.

Sie haben sich alle eingefunden über die Tage, die Kinder, Verwandte, stehen da verloren an seinem Bett, in Besucherkittel gehüllt und begreifen jeden Tag ein Stückchen mehr. Sie ist ihr Zentrum und sie passen auf sie auf, während der Abschied von ihm täglich konkreter wird.

„Wir würden die Extubation gerne morgen Nachmittag machen, wenn Sie auch da sind“, sagt sie. „Ja?“, fragen ihre braunen erschöpften fünfundfünfzigjährigen Augen mit einem gütigen milden Lächeln.

 

Magdalena Witt

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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