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Sie haben vergessen, wie es ist, tot zu sein. Das ist das Problem mit den Menschen.

Der Tee roch nach nichts. Obwohl das eigentlich nicht stimmt. Er roch nach Suppe, bevor man Suppenpulver hineinkippt, also nach Wasser, aber eben nicht irgendein Wasser, sondern Wasser, das schon weiss, dass es mal Suppe wird. Subtil. Menschen, die wissen, dass sie sterben, unterscheiden sich vom Rest. Wie das Wasser, das schon weiss, dass es Suppe wird. So war es auch bei K., als er den Tee trank.

Ich habe keine Cookies&Cream-Duftkerzen mehr, muss also zu IKEA. Bei IKEA tun sie so, als wären wir nie tot gewesen und würden es auch nie sein. Sie tun so, als hätten wir ein Zuhause. Gleichzeitig wird uns dezent vermittelt, dass wir am Ende alle gleich sind. Klippan gibt es mit unterschiedlichen Bezügen. Blomstermåla oder Korndal. Das ist Freiheit. Man gewöhnt sich daran, dass der Klippanbezug den Unterschied macht. Man gewöhnt sich daran, dass man nichts Besonderes ist. Särge gibt es aus Eiche oder Kiefer, geschmacklos geschnitzte oder Sperrholzteeboxen. Das ist Freiheit.

Ich denke an K. und das entrückte Lächeln der unheilbar Kranken. Diese Augen, die schon nicht mehr von hier sind, aber auch noch nicht dort. Wie ein Wartezimmer, in dem die Anfangsmusik von Shining läuft. Erst wenn man ihm sagt, dass er stirbt, fällt dem Menschen wieder ein, wie es ist, tot zu sein und plötzlich will er, plötzlich würde er, plötzlich hätte er eigentlich. Und dann ist es zu spät, weil das alles eine große Scheisse ist mit dem Tod und dem Menschen und dann weiss er und dann lässt er los und dann trägt er dieses entrückte Lächeln.

Ich habe nicht in den Sarg geschaut. Der Tote ist nicht mehr derselbe. So die offizielle Begründung. Ich kannte K. nicht einmal besonders gut. Ich kann mich nicht mehr sicher daran erinnern, ob er gewöhnlich eine Brille trug. Es wäre nicht so gewesen wie bei denen, die wussten, wie er aussah, wenn er am Frühstückstisch umständlich ein Ei aufklopfte. Ich habe noch nie einen Toten gesehen. Wenn ich eine tote Maus auf der Straße liegen sehe, erschrickt mein Solarplexus. Als würde man mit einem Stock in mir herumwühlen und mir etwas zeigen, das ich absichtlich vergessen habe. Hat die Maus gelitten? Wurde sie von einem New Beetle angefahren und schleppte sich mit ihren winzigen Beinchen noch ein Stück weiter, weil sie ein Kämpfer war, weil sie noch einmal eine Himbeere verspeisen oder über nasses Moos laufen wollte? Weil sie plötzlich wollte, würde und eigentlich hätte? Es wäre vermessen gewesen, einem toten Menschen ins Gesicht zu schauen und so zu tun, als wäre man erwachsen.

K. ist tot und im Grunde war er das schon immer. Er hat sich nie Mühe damit gegeben, nicht tot zu sein, weil er vergessen hatte, wie es ist, tot zu sein. Ich denke daran, dass ich keine Cookies&Cream-Duftkerzen mehr habe und dringend zu IKEA muss. Ich denke daran, warum der Mensch die Botschaft des Klippanbezugs nicht begreift. Am Ende sind wir alle gleich.

 

Ani Silvian

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
#1000tode #tod #sterben #trauer

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