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Ich wohne direkt neben einem Bestattungsinstitut. Die Straße vor meinem Haus ist vielbefahren. Jeden Morgen drücken sich während des Berufsverkehrs unzählige Autos und Laster vor meinem Fenster vorbei. Die nächste Fußgängerampel ist ungefähr zwei Gehminuten von meiner Haustür entfernt. Der Weg, den ich entlanglaufen muss, um zur Bushaltestelle in der Innenstadt zu gelangen, liegt genau gegenüber meiner Haustür auf der anderen Seite der Straße. Ich benutze die Fußgängerampel fast nie. Ein Umweg von fast vier Minuten ist mir mein eigenes Leben wohl nicht wert. Tag für Tag stürze ich hektisch über die Straße, sobald auch nur die kleinste Lücke im Autostrom erkennbar wird. Tag für Tag werfe ich einen kurzen Blick zurück auf das Bestattungsinstitut, wenn ich auf der anderen Seite angekommen bin und meinen Weg fortsetze. Ich fühle mich jedes Mal schlecht. Ich schwöre mir jedes Mal, am nächsten Morgen ein paar Minuten früher loszugehen und die Fußgängerampel zu benutzen. Ich lebe förmlich mit dem Tod vor der Nase, und doch löst das in mir scheinbar nichts aus. Keine besondere Vorsicht, kein gesteigertes Bewusstsein für meine eigene Endlichkeit. Manchmal denke ich, dass ich ihn doch geradezu herausfordere mit meinem Verhalten. Hasch mich, wenn du kannst. Ich zeige ihm die lange Nase, überzeugt davon, dass ich jung und unverwundbar bin. Ich überlege oft, woher das kommt und bin versucht, die Schuld auf der Gesellschaft abzuladen. Die eignet sich ja immer besonders gut dafür, die Rolle des Schwarzen Peters zu spielen. Ich bin aufgewachsen und sozialisiert worden mit der ständigen Präsenz von Leid und Tod, von Gewalt und Ende. Aber ich kriege das Meiste davon nur gefiltert mit. Ich sehe es über Mattscheiben flimmern oder auf Papier gedruckt, ich konsumiere Horrormeldungen zeitgleich mit Fantasyliteratur und Popmusik. Ich habe schon als Kind gelernt, eine selbstschützende Distanz zu allem einzunehmen, was nicht direkt vor meiner Haustür geschieht. Meine eigene comfort zone halte ich tod-frei. Ich habe auch in meinem jungen Leben schon jemanden verloren, aber ich spreche fast nie darüber. Niemand spricht darüber. Tote werden totgeschwiegen, nachdem die Trauerfrist vorbei ist, das habe ich auch gelernt. Darf ich eigentlich Angst vor dem Sterben haben? Sobald man ein Gespräch mit dieser Frage beginnen würde, entstünde das Gespräch nicht. Wir Menschen sind unterschiedlich und vielfältig und haben doch einen gemeinsamen Nenner: den Tod. Wir sterben alle irgendwann. Und ausgerechnet damit setzen wir uns nicht auseinander. Und werden von dieser Tatsache überrannt, sobald sie uns selbst tangiert, als hätte man uns niemals vorher davon erzählt. Dabei kann man sich auch auf das Sterben und den Umgang mit dem Tod anderer vorbereiten. Genauso, wie man sich wie selbstverständlich auf eine Reise oder eine Geburt vorbereitet. Während ich das schreibe, ist drüben im Bestattungsinstitut ein Licht angegangen. Vielleicht ist hier heute jemand gestorben. Ich kann nicht ändern, dass der Tod keinen Platz im Alltag der meisten Menschen hat. Aber ich kann machen, dass er einen in meinem Leben bekommt. Ab morgen werfe ich einen Blick nach nebenan, bevor ich über die Straße renne.

 

Maria Schmidt

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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