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Er ist gefallen wie ein Baum, das hört man oft. Aber wann sieht man Derartiges schon in der Großstadt, sodass man da vergleichen könnte?

Nicht einmal während des schweren Pfingststurms 2014 habe ich so etwas miterlebt. Nur ungläubig geschaut, später, als ich mit dir durch die Straßen ging oder wir es zumindest versuchten, denn die Straßen waren gar nicht mehr da, sie waren begraben unter all den umgestürzten Bäumen. Alte Riesen, die schon länger an ihren Plätzen gestanden hatten, als wir denken konnten. Der Baum im Park, auf den wir als kleine Kinder immer zum Lesen geklettert waren, er hatte der Windgewalt ebenfalls nachgegeben.

An diesem Tag bekam ich zum ersten Mal den Hauch einer Ahnung, wie es den Menschen gehen muss, die in wirklichen Katastrophengebieten leben. Dieser Unglauben angesichts einer Zerstörung, die das Gehirn nicht wahrhaben will.

Die Aufräumarbeiten begannen schon am folgenden Morgen, die großen Straßen waren nach einigen Tagen wieder frei, aber in den Parks blieb den Kindern noch viel Zeit, auf Stämmen und Ästen herumzuklettern. Auch wir ließen uns nicht abhalten, obwohl wir doch eigentlich längst zu alt dafür waren. Den Gefallenen folgten später noch zahlreiche weitere Bäume, die aus Sicherheitsgründen gefällt wurden. Straßen und Parks wurden licht.

Schließlich blieben nur die Stümpfe übrig, überall säumten sie die Wege. Du warst der Erste, der die Triebe bemerkte, die aus der äußersten Ringschicht, der direkt unterhalb der Rinde, schon wieder zu wachsen begannen. Sie leben noch, sagtest du. Die Natur lässt sich nicht unterkriegen. Ob daraus wohl wieder eine richtige Eiche werden kann, fragte ich mich.

Nicht lange danach bist du dann gefallen wie ein Baum. Einfach so, mitten im Gespräch. Es hätte ein Scherz sein können, ganz typisch für dich, aber nein. Und keine Entscheidung schwerer als die, sofort mit der Herzmassage zu beginnen oder zuerst den Notarzt zu rufen. Ich versuchte beides gleichzeitig.

Irgendwann ein Martinshorn und Hände, die mich wegzogen von dir. Fachkundige Hände, die übernahmen. Ein Mund, der sagte, du hättest wieder Puls. Das machte es etwas leichter, die Nummer deiner Eltern zu wählen, nachdem der Krankenwagen mit dir davongefahren war.

Gut gemacht, sagten sie alle, die Sanitäter, der Arzt, und auch deine Eltern, ohne dich hätte er keine Chance gehabt. Gestorben bist du trotzdem zwei Tage später. Ein unerkannter Herzfehler, ein falsches Medikament. So etwas kann passieren, hieß es. Dieser Unglauben angesichts einer Möglichkeit, die das Gehirn nicht wahrhaben will.

Jetzt bin ich wieder im Park. Sie haben alle Baumstümpfe samt ihrer Triebe ausgegraben und entfernt. Nur Löcher sind geblieben. Ich setze mich in eines, wühle meine Hände in die lose Erde und endlich weine ich.

 

Katja Kulin

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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