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Zuerst sah ich einen Hund, wie er auf die Autobahn lief. Ich erklärte einem Kind, dass der Hund nicht wiederkommen würde. Im Wald, Himmel, auf dem Weg. Wo ist er jetzt?

Später sah ich einen verschlossenen Sarg, in dem meine Mutter lag, und am nächsten Tag, wie meiner Tochter Löcher in die Ohren geschossen wurden, in einer Hansestadt. Sie lachte erst und kurz darauf weinte sie. Wir standen um sie herum, meine Schwestern und meine Großmutter, das Glück der glänzenden Stecker, hofften wir, sollte den Schmerz zum Verschwinden bringen.

Es gab eine unfassbare Krankheit, die sich eingrub, in rasender Geschwindigkeit, wie ein Pflug von innen, ein Fluch von innen, Zettel angeheftet an Orte in ihrem Körper: defekt. Ein Verlauf, ein Lauf der Dinge, ein Sprint sozusagen, ein rapides Abnehmen aller Funktionen, wenige verbleibende Monate. Ich erkannte die Postfrau nicht mehr. Das Suchen nach Worten auf allen Seiten. Verschwindendes Sprechen, Zeichen mit ihrer Hand, nur kleine Bewegungen und ihre Worte auf Zetteln. Sie ging weiter zur Arbeit, trotzte der Diagnose, versuchte und hoffte, stand mit schwindenden Muskeln wieder auf und kämpfte, konnte sich viel zu schnell kaum noch bewegen oder schlafen oder essen. Gewissheit. Ihr großer Mut, loszulassen. Keine Sorgen mehr, keine Schmerzen, aber kein Leben mehr.

Ich schwankte mit jedem Schritt, den Blick nach oben, grauer Himmel, jeden Tag grauer Himmel, Februarhimmel, die müde Großmutter schimpfte über das Wetter im Norden. Wir saßen ohne unsere Mutter im Auto unserer Mutter. Nachts in ihrer Küche, Zigaretten, Tee aus ihrer Kanne, Nudeln von ihren Tellern, Einkaufen in ihrem Supermarkt, Geld von ihrem Konto, Nachthemden aus ihrem Schrank, ihre Kinderbücher dem Kind vorlesen, Kleider zur Kleidersammlung bringen, Schränke zur Schranksammlung, Telefone und so weiter, ihre Kette um meinen Hals, einen Atlas auf dem Kopf balancieren, eine Schallplatte unter meinem Arm, im Flur auf einem Bein stehen, ein Plüschvogel. Lesen in Ordnern, Tagebüchern, ihren Notizen. Wir steckten das uns Wertvollste in die Hosentaschen. Alle Blätter kamen auf einen Stapel, was ewiger Streit zwischen unseren Elternteilen gewesen war, warfen wir in den Papiercontainer. Ich erinnerte mich kurz an helle Wäsche auf der Wiese hinter dem Haus. Ich erklärte einem Kind, dass bei einer Beerdigung Ruhe bewahrt werden müsse und hatte Angst, als ich an der Reihe war, dass ich beim Wurf mit Erde (kalter Regen, immer noch Februar) etwas falsch machen könnte, zu viel oder zu wenig oder daneben. Das Gras zu glatt, nicht fallen, überall Regenschirme, ich musste ja einen Sarg treffen, dabei könne man nicht versagen, sprach ich mir zu, viel zu zaghaft, nicht zu lang davor stehen, nicht zu kurz, an die kalten Füße der Wartenden denken, den dumpfen Aufprall eigentlich nicht hören wollen, ihn aber doch hören und zurücktreten.

Irgendwann saß ich wieder in meiner Küche, nichts brach herein, nichts aus, kein Sturm, kein Schnee, kein Orchester, keine trappelnde Pferdeherde. Meine Tochter lief stolz mit funkelnden Ohrsteckern in den Kindergarten, ich klebte eine falsche Briefmarke auf den Brief, die Postfrau sah mich besorgt an, was soll ich sagen, ich will ja niemandem zu nahe treten, schon gar nicht der Postfrau, es ist nicht wahr, sagte ich aber am nächsten Tag zu ihr, dass nur eine Lücke bleibt, es bleibt ein riesiger Graben, nicht wieder verschließbar, kaum überspringbar, Flügel müsste man haben. Als sie ihre Hand öffnete, wusste ich nicht mehr, ob ich überhaupt einen Brief geschrieben hatte und ob es nicht längst zu spät dafür war.

 

Nora Wicke
 
 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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