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Unsere Unterschiede sind viel zu knapp bemessen, als dass wir gemeinsam sein würden, in einer Gestalt. Als dass wir ausschließen könnten, nun nicht mehr als eine Nähe, als etwas Familiäres, als ein Zugeständnis zu geschehen. Im Grunde als das, was Generationen zu bedeuten haben, wenn sie über Körper miteinander in Verbindung stehen. Keine Erklärung, stattdessen Bedeutung und bedeutsam ohne das Wort. Dieses und jedes. Eine Liebeserklärung kann diese nicht erklären. Ich bin so nah, die Vögel picken mir bald aus der Hand. Als dass wir hier zusammen stehen könnten, ohne der Zeit aus dem Auge zu wehen – wie figürliches Laub, welches vom Wind vor unseren Karosserien zu Tieren: Mäusen, Fröschen wird. Warum aber auch nicht? Was sehen wir, außer dem Fortgehen-Müssen. Du denkst immer mal an mich, hast Du gesagt und auch so getan. Das stellt sich nicht in Frage. Gedacht habe ich nie in diesem Moment. Ich habe auch kein Fragezeichen für uns aufgesucht. Wir haben eine übereinstimmende Wahrheit, die bedarf keiner Belebung. Das Datum, der Tag, der festgehaltene Moment ist eine Sache der Menschen. So wünschen wir Ordnung zu schaffen in der Natur, mit dem Hell und mit dem Dunkel. Mit dem Himmel bei Tag und bei Nacht. Mit dem Verlauf der Jahre kann ich mich so nicht einverstanden geben. Aber das nützt uns nichts, eher schon die Vorstellung, es gäbe uns nicht. So zumindest, einfach nur so, wie Zwei in der Hand. Wie gern möchte ich jetzt, dass Du mich daran erinnerst, dass Du irgendwann nicht mehr kommen wirst. Einfach so, herein, um da zu sein. Dein Vorbeugen, Dich zu vergessen. Aus dem Fenster, die Terrasse, auf der Du den Sommer verschläfst, der kalte Rasen. Eichelhäher, Sing- und Rabenvogel zugleich, im Garten, Waldboten, zu beobachten, mit Dir. Dein Lächeln gegen den Umstand, dass Du Dich nicht mehr darstellen kannst. Hinterm Haus das Abkühlen unter den zigtausenden Zweigen. Das Dickicht vor dem Licht. Stausee, wenn Du es schaffst, sonst drehen wir um. Dein ausgestreckter Finger als ein Signal. Hör mal. Da ist was. Springende Bewegungen, dünnes Weiß, dumpfes Grün, viele, viele Äste. Kahl hast Du es nicht gerne. Und wir haben Dir einen Rollkragenpullover angezogen, damit Du nicht frierst. Im Winter lässt sich das nicht vermeiden. Immer noch nicht. Jetzt fahren wir über Deine Berge, Deine Kindheit. Mit den Leiterwagen vor den Russen. Porzellan in Flugblättern eingewickelt. Die Bäckerei im Haus, die Wertstoffwarenhandlung in Brand. Man sieht, was man schon weiß. Ich bin gespannt. Was kann ich mir erlauben? Dich wiederzusehen? Wir müssen nicht reden, nicht fragen. Das wünsche ich mir. Jedes einzelne Bild Herkunft und noch das Nebensächlichste daran war die Eingabe in ein Depot von Eindrücken und Klängen, die mir beständig sind, aber auch ein Belügen, ich wüsste noch, wie deine Stimme geht. Über die Straße bist Du nie auf direktem Wege, nie an einer vorgesehenen Stelle. Du hattest Deine eigenen Aufforderungen und nahmst Dich nicht allzu ernst. Der gute Ertrag vom Gedächtnis, manchmal das Selbstgespräch, was man sucht. Dann bist Du dran und ich schreibe Dich auf. Meine Briefe sind lichtbeständig, wasserfest auf allen Materialien, deckend. Das steht dann auch nicht zwischen uns. Irgendwann sind wir gleichalt und gleichklug und ich freue mich darauf. Manchmal erwache ich nachts und ärgere mich, dass es nicht deinetwegen ist. Wie traurig, dich dort zu vermissen, wo ich dermaßen übertreibe und am beweglichsten bin. Dann lege ich meine Hand auf Deine Stirn, als könnte sie Dich noch einmal neu riechen. Dein Gesicht hat es immer schön gehabt. Ich will mich nachahmend verhalten, damit Du Vorbild bist. Weißt Du noch, wie wir Erinnerungen gemacht haben? Immer dann am meisten, wenn Du sie nicht angekündigt hast. Du denkst immer mal an mich, hast Du gesagt. Meine Reaktionen waren da noch angereichert mit wertvoller Unmöglichkeit, meinem jetzt ersehnten Mangel an Zukunft. Sich vorstellen können, nein, nie. Immer noch nicht. Wie viel liebenswürdige Verweigerung. Und wie der Vogel einen Schatten auf uns wirft, dass wir es nicht einmal bemerken, weil wir uns zu Lebzeiten nie von oben sahen. Das Ausbreiten und Schließen der Flügel. Fast so, als wollten sie fragen: Erkennst Du mich?

 

Marc Oliver Rühle

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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