294

„Ich bin so gespannt, wem Moritz ähnlich sehen wird, wessen Nase und wessen Mund er haben wird – man kann sich das ja vorher einfach so gar nicht vorstellen, aber wenn man so ein Baby dann sieht, dann denkt man: Ja, man, klar!“ (Annika, 17.8.)

„Sorry, gerade nur kurz, fühle mich gerade nicht gut, ruf nun Arzt an“ (Maria, 18.8.)

„Fahr nun los, mit Bus. Die sagen, lieber vorbeikommen. Ist sicher alles o. k., aber lieber nachgucken.“ (Maria)

„Hast du Wehen?“ (Annika)

„Keine Ahnung, irgendwie, jein. Ich glaube, nicht wirklich. Aber keine Kindsbewegungen seit Tagen und heut ganz komisches Unwohlsein. Ich tippe auf Kopfkino.“ (Maria)

„Wahrscheinlich Kopfkino. Wenn du kannst und magst, halt mich auf dem Laufenden.“ (Annika)

„Ich bin ganz nervös.“ (Annika)

„Brauchst nicht. Mehr als ein Baby kann’s ja nicht sein.“ (Maria)

„Aber wenn er nun kommt!???!!“ (Annika)

„Ich habe schlimme Nachrichten. Marias und Nikolaus’ Baby ist tot.“ Während ich das sage, halte ich mein eigenes Baby im Arm, gerade einmal drei Wochen alt. Ich kann es tagelang nicht loslassen, dieses kaum zu ertragende Glück.

Diese zwei Jungs … In unseren Köpfen waren sie schon beste Freunde, von Geburt an, so wie wir beide immer beste Freundinnen waren. Es war so verrückt, dass wir wirklich parallel schwanger wurden, ich mit dem zweiten, sie mit dem ersten Kind. Und nun ist Moritz tot. Noch im Bauch seiner Mutter. Ohne Vorwarnung. Einfach so. Keine Herztöne mehr. In zwei Wochen wäre der Geburtstermin gewesen. Der Horror, der auf diese Nachricht folgt, nahm und nimmt kein Ende. Sie muss dieses Kind noch zur Welt bringen, dieses tote Kind. Ich denke an die Geburt meines Sohnes und komme mit den Gedanken nicht bis dahin, wie es sich anfühlen muss, wenn man weiß, am Ende all dieser Schmerzen steht nur der Tod. Etwas in meinem Kopf macht zu, es ist unmöglich, mir das vorzustellen. Das, was da zumacht, beschützt mich. Das Leben hier muss weitergehen, der Große muss in den Kindergarten. Hier, auf der anderen Seite des Universums. Ich bin die Nächte wach und halte meinen Sohn fest, das Tablet in der Hand, auf der Suche nach Informationen … aber manchmal ist das Grauen zu viel und ich muss aufhören.

Dann ist es endlich vorbei. Ich höre ihre Stimme. Nicht von dieser Welt. Ich bin so froh, dass sie lebt. Aber Moritz … Im Nachhinein wird es das Allerwichtigste sein, dass sie da durch musste, durch diese Geburt. Die Schwangerschaft und diese Geburt, das ist alles, was sie und Nikolaus je von ihrem Kind gehabt haben werden. Sie sind nun Eltern. Eltern ohne Kind.

Die Beerdigung. So schlimm. Mein Mann trägt den Sarg. Diesen winzigen weißen Sarg, bunt bemalt von uns, Handabdrücke der Eltern, von Oma und Opa. „Du wirst uns für immer fehlen“, schreibe ich darauf. „Am Ende bin ich allein mit meinem Kind“, sagt Maria.

Wir hören ständig, wie der Tod Freundschaften auseinanderbringt. Wir lesen es überall. Maria hat Albträume von Ausgrenzung und totaler Isolation – neben all den Albträumen von ihrem toten Kind. Sie fürchtet, keiner will sie mehr, wo sie nur noch ein Klumpen Trauer ist. Ich habe solche Angst davor, dass sie nie wieder zu uns kommen werden, meinen Sohn, meine beiden Kinder nicht mehr anschauen können. Doch das geschieht nicht. Es ist wie ein Wunder. Maria hält mein Kind im Arm, so oft sie kann. „Er hat Tröstekraft.“, sagt sie. Und wir stellen uns vor, wie die beiden Jungs sich schon gekannt haben, im Babypool, oder wo auch immer Babys sind, bevor sie in unseren Bäuchen wachsen. Und unsere Freundschaft zerbricht nicht.

Nichts ist gut an diesem Tod. Nichts ist sinnvoll an diesem Tod. Dieser Tod ist das Gegenteil von allem Sinnhaften, von aller Ordnung der Dinge und von allem, was gut ist. Er ist die Hölle. Nichts weiter.

„Moritz Wolfgang Günter kam am 19.08. um 19:46 Uhr mit 53cm und 3.055 g zur Welt. Er hatte die Nabelschnur um den Hals gelegt. Er ist wunderschön und sieht aus wie sein Vater. Wir haben ihn voller Stolz im Arm gehalten. Der Abschied erfordert all unsere Kraft. Es bricht uns das Herz.“ (Maria, 20.08.)

 

Annika Bauer

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
#1000tode #tod #sterben #trauer

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.