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Ein Leben lang auf der Suche. Nach Geborgenheit, nach Liebe. Nach diesem unvergleichlichen Gefühl, wenn eine unendliche Wärme den Körper durchzieht, als würden tausend kleine Flammen durch die Adern fließen. Auf der Suche nach der starken Schulter, der sanften Hand. Vielleicht hatte ich den Richtigen einst gefunden und nicht erkannt. Vielleicht war er auch nie da gewesen. Ich bin der Suche müd’ geworden. In die alte braune Wolldecke gehüllt, die ich schon so oft geflickt habe und von der ich mich doch nicht trennen kann, sitze ich auf dem morschen Armlehnenstuhl am Fenster. Meine Beine und mein Rücken schmerzen. Es war ein anstrengender Tag. Dabei bin ich nur zum Laden an der Ecke gegangen. Die schweren Einkaufstaschen. Jeder weitere Schritt scheint unmöglich. Die schwachen Sonnenstrahlen verschwinden hinter grauen Betonbergen, während das letzte Blatt der großen Eiche vor dem Fenster langsam zu Boden segelt. Wind kommt auf und ich spüre die Kälte durch die kleinen Ritzen des geschlossenen Fensters ziehen. Das matte Licht des nahenden Abends reicht nicht aus, um in den Raum zu gelangen. Mit einem Streichholz entzünde ich die kleine Kerze auf der Fensterbank. Unruhig tanzt die Flamme und zaubert ein schwaches Spiegelbild auf die Scheibe. Vergeblich suche ich nach der jungen Frau, die ich vor langer Zeit kannte. Traurige Augen in einem faltigen Gesicht. Immer stärker erzittert das Feuer, bis es endgültig erlischt. Aber Dunkelheit …

Nein! Es ist nicht dunkel. Der ganze Raum glitzert und funkelt. Jemand ist hereingetreten. Ich habe ihn nicht kommen hören. Ich habe ihn erwartet, jedoch nicht so früh. Langsam tritt er näher, setzt lautlos einen Fuß vor den anderen, bis er neben meinem Stuhl stehenbleibt. Er nimmt meine Hand. Ich spüre seine Kraft, merke, wie Freude erst meine Finger, dann den Arm, das Herz, den Körper durchströmt. Wortlos zieht er mich hoch. Erstaunlich leicht kann ich mich erheben, kein Schmerz hält mich unten. So wortlos wie er sind meine Gedanken. Es scheint bereits alles gesagt zu sein. Er führt mich, dreht mich, hält mich fest. Immer schneller seine Schritte, immer schneller schlägt mein Herz. Kribbeln auf der Hand, Kribbeln in der Luft. Rauschender Tanz, die Welt verschwimmt … verblasst.

Ich weiß jetzt: Er ist der Richtige. In seinen Armen wirbeln, sich drehen, Schwindel, Freude, Wärme … bis das Echo des letzten Tons in der Stille verstummt.

 

Anita Heidt
 
 
 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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