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Letzte Nacht lag ich (28) im Bett und hätte fast geweint. Wegen Elliott Smith.

Elliott Smith ist ein ein Innenseiter, ein Unverwandter, er ist ein Musiker aus Amerika.

Schöne Musik ist wie Rachmaninov. Oder Rachmaninoff. Oder Rachmaninow.

Oder einfach wie Elliott Smith.

Ich kann nicht einschlafen. Es ist zu laut hier. Zu viel schöne Musik. Denn so viele probieren sie aus. Aber nur wenige schaffen sie aus der Welt. Das hat Elliott Smith für mich getan.

Keine Tränen letzte Nacht. Kein Ausweg zu sehen. Denn ich musste sogar im Dunkeln meine Augen ganz fest schließen. Die Schönheit spielte keine Rolle mehr, sondern Krieg. All die schönen Menschen mit ihren schönen Songs und ihren schönen Hörern, sie standen mir in Heerscharen gegenüber, bereit zum Angriff. Als ich dann aber die Augen schloss, blieb nur einer übrig. Keiner sang so, keiner klingt so.

Ich blieb eine Platte lang regungslos auf dem Kopfkissen liegen, während mein zurückgebliebener Körper ganz lebenslänglich wurde.

Wenn eine Frau (27) einen verlässt, dann kann man es wochenlang immer wieder sagen, dass sie einen verlassen hat, ohne dass es stehenbleibt. Dann formuliert man einen Satz, der einen zum Weinen bringt. Oder ins Irrenhaus. Ich habe wirklich einmal geliebt.

Though it doesn’t mean a thing

Liebe. Liebe. Kataloge verjähren. Fremde Frauen werden kilometerlang von mir mit Nummern versehen und wenn ich zuhause bin, schreibe ich die Zahl mit einem Minus in den Staub.

Ballad of big nothing

Geiler Song, sagt Helmut. Wer is’n das?

Das war mein Kater (18). Den hab ich gestern umbenannt in Elliott Smith. Ich sprach seinen Namen aus wie einen Ort, den man am nächsten Morgen erreichen wird. Nach drei Tagen in der Postkutsche. Zu spät.

Elliott Smith (34) ist tot.

Passau im Jahr 2000: Ich (25) ging in einen Musikladen. An diesem Tag wollte ich mir keine CD kaufen, ich war nur einsam. Ich hörte mir das neue Album von diesem Elliott Smith an. Irgendjemand, den ich kannte, kannte jemanden, der den gut fand. Ich hasste Empfehlungen/Geheimtipps/usw., bäh!

Nein, dachte ich in den ersten Minuten. Ja, ich liege zuhause schon richtig mit meiner Kleinstadtseele in meinem Kleinstadtbett und höre keine Leute, die so hoch singen, als lebten sie auf einem Berg.

Das zweite Lied lenkte mich von meiner Einsamkeit ab. Das dritte Lied verstand ich nicht, aber es fühlte sich an wie der drittbeste Song aller Zeiten. Und dann kam „Everything reminds me of her“ und das hörte ich zwanzigmal hintereinander. Das Lied war für mich. Es floss wie neues Blut in mir und ich hielt dicht.

Ich weinte nicht. Jahrelang nicht. Denn Elliott Smith hat genug für mich (40) getan. Er hat nicht aufgehört.

 

(Oktober 2003–Februar 2015)

 
Herbert Hindringer
 
 
 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
#1000tode #tod #sterben #trauer

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