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Ich habe es nie verstanden, warum Menschen am eigenen Leben hängen. Das Leben zu lieben, das Leben wertzuschätzen, beides Konzepte, die für mich immer unverständlich waren. Nicht weil ich schon immer depressiv gewesen wäre, nein, es gab auch Zeiten, in denen es mir neutral oder gut ging. Ich hänge nicht am Leben, weil ich nie verstehen konnte, wieso dieses etwas Besonderes sein soll. Es war halt da. So wie der Tod irgendwann da sein würde. Der Tod – zumindest solange es nur um meinen eigenen ging – machte mir nie Angst. Allerdings gab und gibt es Zeiten, in denen mir das Leben Angst machte.

Darüber nachzudenken zu gehen, bedeutet immer Ambivalenz. Ambivalenz vom ersten leichten Wunschdenken bis zum letzten Schritt, zum letzten Sprung, zum letzten Atemzug.
Die Ambivalenz vergeht nie, und ich habe sie zu hassen gelernt. Wenn ich im Flur der Psychiatrie saß, fünf Minuten, nachdem mich das selbst gerufene Taxi dort abgesetzt hatte, habe ich sie gehasst. Wenn ich das eine Lied hörte, das mich an meinen Grund zu bleiben erinnerte, habe ich sie gehasst. Wenn ich weinte, weil ich mir ausmalte, wie meine Familie trauern würde, habe ich sie gehasst. Wenn ich trotz aller Entschlossenheit zu gehen, das Bild meiner Mutter vor meinem Grab nicht aus dem Kopf kriegen konnte, habe ich sie gehasst. Als kein Raum mehr für Bilder war, habe ich sie gehasst. Als ich ging, habe ich sie gehasst. Als ich wieder aufwachte, habe ich sie gehasst. Als ich zum zweiten Mal ging, habe ich sie gehasst. Als plötzlich das eine Lied lief und ich den Notarzt rief, habe ich sie gehasst. Als ich immer noch da war, habe ich sie gehasst.

Die Ambivalenz ist hässlich. Manchmal hält sie einen am Leben, dann hasst man sie. Manchmal nimmt man sie mit in den letzten Schritt, dann hasst man sie auch. Aber weg ist sie nie.
„Wer es wirklich tun will, der …“. Es gibt kein „wirklich wollen“ und kein „unwirklich wollen“. Es gibt nur 1000 verschiedene Abstufungen, alle sind wirklich, manche wirklicher. Doch auch wenn man wirklich wirklich will, wenn man den Schritt geht, springt, schluckt, dann springt die Ambivalenz mit.

Ich habe mich verändert, es ist Zeit vergangen, es ist viel passiert, doch das eine Lied habe ich seitdem nie wieder gehört. Es ist mein Kampflied. Für den Kampf in mir, für den Kampf um mich herum. Es ist mein Abschiedslied. Es ist mein Bleibelied. Es ist mein Lass-mich-doch-endlich-gehen-Lied. Es ist mein Ich-will-euch-nicht-wehtun-Lied. Es ist mein Ich-kann-nicht-mehr-Lied. Es ist mein Lied für den letzten Schritt. Es ist mein Lied für den letzten Atemzug und fürs Doch-wieder-Aufwachen.
Es ist mein Gefangenschaftslied. Für die Gefangenschaft in der Ambivalenz.
Es ist mein Ambivalenzlied.

 
Malaika
 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
#1000tode #tod #sterben #trauer

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