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Ich war aus Berlin angereist und trug Schnürstiefel, als meine Tante beerdigt wurde. Sie war Diakonisse gewesen, sehr fromm und so lieb, dass es sogar meine kaum weniger fromme Mutter anstrengte. Unter der steifen weißen Haube der Tante war ein Gehirntumor gewachsen. Gottes Wege sind unergründlich. Die Schwester war „heim zum Vater“ gerufen worden. Kein Grund zu trauern, eher, Party zu machen – wenn Diakonissen Party machen würden. Stattdessen wurde auf der Beerdigung wohl Erbauliches gesprochen, gebetet und gesungen, ich erinnere mich nicht. Ich erinnere mich nur an das, was aus dem Rahmen fiel, mein Schuhwerk. Gefühle? Keine.

Von der Beerdigung meiner Oma väterlicherseits sind noch nicht einmal solche Details in meinem Gedächtnis haftengeblieben. Nur den Umriss ihres im großen Krankenhausbett fast verschwindenden Körpers habe ich noch vor Augen. Bauchspeicheldrüsenkrebs. Schütteres Haar, durchsichtige Haut, Möwenaugen. Sie starb in gesegnetem Alter. Auch sie war fromm gewesen, und schon zu Lebzeiten wie unsichtbar. Sie hatte meinem Opa gedient und dem Herrn, ihr einziges persönliches Attribut war eine Miene unpersönlichen Leidens gewesen, vorwurfslos vorwurfsvoll. Als Kind mochte ich den Danone-Schokopudding, den sie immer im Kühlschrank hatte. Sie las mir manchmal vor. Wenn sie fertig war, packte ich mein Buch und ging. Gefühle bei ihrem Ableben? Keine nennenswerten.

Auch mein Opa trauerte nicht, zumindest nicht augenfällig. Er war ja ebenfalls fromm. Aber er wurde immer weniger. Nahm ab und schimpfte, wie es seine ostpreußische Art war, die „Mama“ habe ihm ja nie gezeigt, wie man koche. Wahrscheinlich eine Art Liebeserklärung. Seine Hilflosigkeit rührte mich. Gefühle, als auch er bald darauf starb? Keine, die ich benennen könnte. Ich bin das Kind meiner Familie.

In dieser Familie wurde über Gefühle nicht gesprochen. Man hatte keine oder man hatte keine zu haben. Der Liebe Gott gibt’s, der Liebe Gott nimmt’s, der Liebe Gott richtet’s, der Liebe Gott wird schon wissen, warum. Jede individuelle Regung a priori ersäuft in der Liebe und Weisheit des Allmächtigen. Ich wurde zur Beobachterin des Ungelebten. Ich hörte, was nicht gesagt, spürte, was nicht gefühlt wurde. Ich selbst fühlte nichts. Ich sagte nichts. Ich war nichts. Ich bin die Tochter meiner Mutter.

Meine Mutter war 14 Jahre alt, als ihre Mutter den Kopf in den Gasherd steckte und starb. Meine Mutter erzählte von diesem Tod, als habe er sie nicht betroffen. Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, dass es meiner war. Sie hatte ihn mir vermacht. Er war dort, wo die Gefühle nicht waren. Ich bin die Enkelin meiner Großmutter selig.

Ich glaube nichts. Ich bin nicht fromm. Ich habe den Rahmen gesprengt.

Ab und an sind da jetzt Gefühle.

 
 
Christina Striewski

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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