287

Ich bin einunddreißig Jahre alt und war noch nie auf einer Beerdigung. Ich freue mich über jeden Tag, den das so bleibt. Vor allem, weil ich feige bin. Dreimal hätte ich schon was Schwarzes anziehen und jemanden zu Grabe tragen können. Aber ich war dem Toten nicht so nah, dass ich nicht Nein sagen konnte. Also sagte ich Nein. Ich habe keinen Abschied genommen und den Menschen, die übrig geblieben sind, nicht zur Seite gestanden, obwohl ich ihnen nah genug dafür war – obwohl sie meinen Beistand sehr geschätzt hätten. Ich verstehe nicht, wie das ist, wenn jemand geht. Mein Mitgefühl ist geheuchelt, ich bin im Angesicht des Todes ahnungs- und hilflos. Ich weiß nichts von Beistand, Trauer oder Tod. All das klingt ungemütlich, es behagt mir nicht. Ich weiche aus.

Mein Vater weicht auch gern aus. Wenn es ihm ungemütlich wird, dann hört er nicht mehr richtig zu, erzählt unerwartet eine Geschichte, nach der niemand gefragt hat, oder steht auf und schaut Lindenstraße. Ich schaue keine Lindenstraße, ich höre zu, ich bin nicht wie er. Ich bin aber vor allem nicht wie er, weil er dem Tod seit Jahrzehnten trotzt. Wenn sein Freund an Krebs stirbt, bevor er dreißig ist, sitzt mein Vater auch am letzten Tag im Krankenhaus. Das klingt selbstverständlich, aber fragen Sie doch mal die Witwen und Witwer, gerade die jungen, wie selbstverständlich das ist. Tod mit neunzig? Das ist ein Kinderspiel für die Hinterbliebenen. Tod eines Vierjährigen mit Herzfehler? Trotzen Sie dem doch mal. Mein Vater ist da, wenn alle anderen jemanden verlieren. Trauer, Beistand, Tod? Mein Vater weiß alles. Auf ihn ist Verlass.

Bis irgendwann kein Verlass mehr darauf ist, bis ich irgendwann dastehe und Abschied von ihm nehmen muss. Ich besitze ein schwarzes Kleid, nur eins, weil Schwarz mir nicht steht. Und es schürt meine Angst vor dem Tod und es ist Öl im Feuer meiner Feigheit, dass wir keinen Beistand von denen bekommen, die wir verabschieden. Denn ohne ihn wird das nicht zu schaffen sein. Nicht für mich.

 

Anna Basener
 
 
 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
#1000tode #tod #sterben #trauer

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.