285

Beerdigungen sind immer im Sommer und es ist immer sehr heiß. Vorher hat man z. B. gerade eine Klassenarbeit im Wahlfach Psychologie geschrieben und die Nebensitzerin hat gesagt „Jetzt stell dich nicht so an, mir geht’s auch nicht besonders gut, o. k.?“. Danach hat einen die Mutter mit dem Auto abgeholt. Während der Pfarrer spricht, hört man aus der Ferne ein Martinshorn und der behinderte Stiefonkel ruft „Einsatz!“. Die Stiefoma flippt aus und packt den Stiefonkel am Arm. Man selbst schwitzt sehr in dieser schwarzen Kleidung und erinnert sich zurück, zwei, drei Jahre. Wie der Trauerzug da langsam den geschlängelten Weg entlang durch diesen merkwürdigen Friedhof, an dem alles Rasen und in dem nirgendwo Schatten war, getrottet ist und man sich gefragt hat, ob das nicht schneller geht. Klassenkameraden waren da, Freunde, Familie, klar. In der Kapelle war es kühl gewesen. Wie entsetzt man dann letztlich immer ist, sobald man den Sarg sieht. Und wenn man dann erkennt, dass der Sarg nicht besonders groß ist, dann erst. Dann fangen die Spekulationen an und man fragt sich, ob der vielleicht leer ist und wie man das in solchen Fällen macht, denn da bleibt ja nicht viel übrig von einem, der sich vor den Zug stellt. Und es ist so heiß, so heiß, dass man nachts Fieberträume bekommt und den Toten sieht, wie er im Einkaufswagen sitzend durch den Supermarkt fährt und sagt, dass er eigentlich nur abgehauen ist, dass er nur ein neues Leben anfangen wollte. Als ob sich das einem ins Gehirn meißelt. Oder viel mehr: Als ob sich einem dieser Ausdruck ins Gesicht meißelt. Nie mehr nicht entsetzt sein können. Man darf dann Rosen ins Grab werfen und Beileid aussprechen. Und man denkt sich, unglaublich, dass das hier, dass diese Beerdigung eines alten Mannes, der trotz Diabetes nicht aufhören wollte, seine Kinderschokolade zu essen, nicht die erste ist, die man erlebt.

 

Sandra Burkhardt

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
#1000tode #tod #sterben #trauer

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.