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Der Anruf kam, als ich mit den Kindern bei einer Freundin im Garten saß. „Er ist tot, Papa …“ Eingehangen. Es war ein Schrei, kaum zu verstehen. Aber die Panik in der Stimme meiner Mutter sagte alles. Als ich dem Großen (6) sagte, Opa ginge es nicht so gut, ich würde jetzt hinfahren, nahm er mich kurz in den Arm und sagte: Okay. Kein Ich-will-aber-mit wie sonst so oft. Ein nicht ausgesprochenes Verstehen.

Wie spricht man mit Kindern über den Tod? Wie geht man vor und mit Kindern mit der eigenen Trauer um? Wie schwer dieses Thema ist, wie unterschiedlich Menschen reagieren, wie schnell es in diesen emotionsgeladenen Momenten zu tiefen Verletzungen kommt, wurde mir in den Tagen der Trauer bewusst.

Tod ist kein Thema, über das man mit Kindern spricht.

Als Mutter musst du deine Kinder beschützen, nicht belasten.

Eine Beerdigung ist nichts für Kinder, nachher wird er wegen dieser Erfahrung Bettnässer.

Sprich nicht mehr als notwendig über den Opa, ermutige ihn nicht auch noch, sich mit dem Thema beschäftigen zu müssen.

Ratschläge dieser Art, von Menschen, die einem nahe stehe, das hat mich getroffen, fassungslos gemacht. Es gab auch andere Stimmen. Die Oma beantwortete gerne jede Frage nach dem Opa. Der Pfarrer bekräftigte das Einbeziehen der Enkel, die Erzieherinnen der Kita bestärkten mich.

Schon drei Monate bevor mein Vater starb, war der Tod zwischen mir und meinem großen Sohn ein Thema. Völlig unerwartet starb die kleine Tochter einer Freundin. Als ich die Nachricht kam, schossen mir Tränen in die Augen. Der Große sah mich weinen. Ich hätte es nicht verbergen können. Und so sprachen wir erstmals über den Tod. Es war der Augenblick, in dem ihm klar wurde, dass jeder sterblich ist. Man muss nicht alt oder krank sein. Auch er kann sterben. Oder sein Papa. Oder ich. Wir sprachen darüber, dass Sterben zum Leben gehört. Dass man weinen, aber dennoch auch immer noch lachen kann.

Als der Opa starb, hat er geweint. Und er hat gefragt, nach Geschichten vom Opa. Ich sollte erzählen. Vom Quatschmacher-Opa, der prima reimen konnte. Vom König der Arschbomben, bei keinem spritzte das Wasser höher. Wir haben zusammen geweint und gelacht. Und ich glaube, in dieser Zeit hat er verstanden, was ich damit meinte, dass der Opa tot, aber dennoch immer bei uns sei.

Die Entscheidung, ob er bei der Beerdigung dabei sein wolle oder nicht, habe ich ihm überlassen. Wir haben darüber gesprochen, was eine Beerdigung ist. Wir haben gesagt, dass er mit allen feiern könne oder dass wir später alleine zum Grab gehen könnten. Er hat eine Nacht drüber geschlafen. Am nächsten Tag hat er gesagt: „Mama, du hast immer erzählt, dass Opas Lieblingsort der Wald ist. Ich möchte lieber mit der Kita in den Wald und dann später mit dir und Papa allein zum Grab.“

So haben wir es gemacht. Als wir uns am Tag der Beerdigung abends unterhielten, erzählte er: „Mama, als ich im Wald stand, da schneite es plötzlich Pollen auf uns. Das war Opa, der hat sie uns geschickt.

 

Bianca Pohlmann

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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