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Die ersten acht Jahre unseres Lebens verbrachten wir als untrennbare und vollkommene Einheit. Für uns war es selbstverständlich, dass wir immer zusammen waren, alles gemeinsam machten. Auch in der Schule setzten wir es, gegen den Willen der Lehrerinnen und unserer Eltern durch, dass wir in derselben Klasse sitzen durften. Alles andere wäre uns sonderbar vorgekommen. Wir waren zwei und doch eins. Fühlten uns vollständig, durch die andere.

Getrennt wurden wir an dem Tag, an dem man dich wegen deiner Bauchschmerzen ins Spital brachte. Du hattest eine Blinddarmentzündung und musstest operiert werden. Die Eltern sind mit dem Rettungswagen mitgefahren. Ich blieb mit den Großeltern zu Hause. Es war schon Abend, die Eltern waren noch immer bei dir im Spital. Ich bin in deinem Bett gelegen, als ich plötzlich deine Stimme in meinem Kopf hörte. Du hast mich gerufen, immer wieder. Und dann war da dieses eigentümliche Ziehen in meinem Bauch. Es fühlte sich an, als würde jemand ganz langsam ein langes dickes Seil aus meinem Nabel ziehen. Mein Herz klopfte bis zum Hals und ich zitterte vor Angst. Damit alles in meinem Körper drinnen bliebe, rollte ich mich zur Seite, zog die Knie an und presste meine Hände auf den Bauch. Ich weiß nicht mehr, wie lange ich so da lag. Irgendwann wurde deine Stimme immer leiser, der Druck in meinem Bauch ließ nach und dann war wieder Stille in meinem Kopf. Jahre später, als ich deine Sterbeurkunde und den Todeszeitpunkt sah, wurde mir klar, dass ich in diesem Moment dein Sterben wahrgenommen hatte.

Unzählige Monate, gefühlte Jahre, weinte ich mich in den Schlaf. Ich vermisste dich so sehr und gleichzeitig hasste ich dafür, dass du mir das angetan hattest. Wie konntest du mich alleine zurücklassen? Warum hatte Gott dich geholt und mich nicht? Wenn ich sonntags mit den Eltern in die Kirche ging, habe ich darum gebetet, auch sterben zu dürfen. Ein Teil von mir hat sich in deinem Tod aufgelöst. Warum sollte der wie Glas zerbrochene Rest noch hierbleiben? Ich bin nicht gestorben, ich habe weitergelebt. Zurück blieb jedoch das immerwährende Gefühl des Unvollständigseins.

Die Jahre vergingen. Ich wurde älter. Arbeitete als Lehrerin, Verabredungen, Partys, Reisen, Heirat, Aufziehen zweier Kinder, Scheidung. Leben eben. Nicht besser oder schlechter als bei anderen. Du warst immer dabei.

Heute bin ich eine kranke Frau und werde nicht mehr lange leben. Ich habe keine Angst vor dem Tod. So wie er mir meine Zwillingsschwester genommen hat, wird er mir die Vollständigkeit zurückbringen.

 

Gabriele Weiser

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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