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Verdrängt, ignoriert, maskiert. Jeden Tag werden wir mit ihm konfrontiert und realisieren nicht. Wir sagen 2000 Tote durch Boko Haram. Wir sagen 100 Tote bei Zugunglück. Tagtäglich in den Medien – Radio, Fernsehen, Zeitung: Wieder Tote und Terror. Kinder sterben, Dörfer werden ausgelöscht. Wir gedenken. „Plötzlich von uns gegangen“, lesen wir. „Erlöst vom Leiden“, lesen wir. Und doch, der Tod bleibt abstrakt, ungreifbar, fremd. Ein Bericht über Ebola – schrecklich. Wir schalten um, gucken CSI – was ein Spaß.

Er ist unpersönlich und fern. Und wir, wir sind abgestumpft. Registrieren, ohne zu realisieren. Begreifen nicht, empfinden nicht. Zu oft gehört, zu oft gesehen. Wir sind blind.

Bis er kommt, der persönliche Tod, bis er eindringt in unser Leben. Auf leisen Sohlen. Ein Familienmitglied, ein Freund. Und wir, wir sind unvorbereitet. Wie geht man um mit dem Sterbenden? Wie mit dem Tod? Jemand ist da, und dann ist er weg. Einfach so!

Er begegnet uns Tag für Tag. Wir sind blind. Trauer, Angst, Abschied sind fremd. Wir können nicht helfen, wir wissen nicht wie! Sterbende werden abgeschoben, ausgeklammert. Hinein in die Krankenhäuser. Die Verantwortung wird abgegeben. Unsere Gesellschaft blickt nach vorn. Sieht Zukunft und Fortschritt. Kein Platz für Tod und Zerfall.

Und doch, ein Satz kommt immer wieder: „In Würde sterben wollen wir.“ Doch ist dieser Satz ohne Bedeutung: Was heißt in Würde sterben? Wenn wir den Tod nicht ansprechen, das Sterben nicht thematisieren. – Es bleibt ein leerer Satz. Und wir können nicht verstehen, nicht helfen, nicht mit dem Tod und dem Sterben umgehen.

Wir verdrängen und sind gleichzeitig abgestumpft. Doch er ist da, und er bleibt.Trifft uns ohne Warnung, ohne Schutzschild. Jeden Tag sehen wir Tote, doch vom persönlichen Tod wissen wir nichts.

Es wird Zeit: Schluss mit Ignoranz, weg mit den Scheuklappen. Wir wollen nicht mehr blind sein, wir dürfen nicht mehr stumm sein!

 

Charlotte Wirth

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
#1000tode #tod #sterben #trauer

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