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Wir mochten uns nicht, du und ich. Schon bei unserer ersten Begegnung, da war ich neunzehn, fand ich dich kalt und unfreundlich. Das blieb so, als ich die feste Freundin deines Sohnes wurde, als ich seine Frau wurde und die Mutter seiner Kinder. Du hast wieder geheiratet, einen Spießer, der wieder jemanden suchte, der ihm den Haushalt führte, so kam es mir zumindest vor, als er dir bei unserer ersten Begegnung erklärte, wie du es vermeiden könntest, dass die Nudeln am Topfboden festklebten. Da tatest du mir leid. Immerhin war er kein Hallodri wie dein erster Mann, der Charme hatte, aber nicht mit Geld umgehen konnte.

Die Besuche bei euch waren immer eine Qual, wir hatten uns nichts zu sagen. Immer wieder die Frage, wie lange ich denn noch studieren wolle. Du verschwandest hinter ihm, sprachst mit leiser unterwürfiger Stimme, verspießertest immer mehr, führtest sein Leben. Du hast immer das Leben anderer geführt, so scheint es mir heute. Dich selbst habe ich wohl nie kennengelernt.

Irgendwann brach der Kontakt ab, wir zogen weg aus Köln. Wir hörten nichts mehr voneinander, bis der Anruf von der anderen Schwiegertochter kam, du seist im Hospiz in Longerich. Wir fuhren hin, die Große, die dir und deinem Sohn so ähnlich sieht, konnte dich nicht anschauen, weil du so dünn warst, mit dem Schlauch im Arm. Das war das erste Mal, dass ihr euch nach ihrer Babyzeit saht – und das letzte Mal. Die Kleine mussten wir hingegen davon abhalten, am Infusionsschlauch zu reißen.

Bald danach war Karneval, wir fuhren zu einem schon länger verabredeten Besuch zu Freunden nach Köln. Ich besuchte mit der Großen die Schull- und Veedelszöch, deinem Sohn war nicht nach Karneval, er ging mit der Kleinen spazieren. Bunte Farben, Kamelle, Strüßjer, Alaaf! Die Gruppe einer Schule in riesigen Bleistiftkostümen, auf einem Wagen sang ein Mädchen „So lang wir noch am Leeve sin, am Laache und am Danze sin.“ Danach gingen wir ins Café Stanton, reihten uns ein zwischen Kostümierten und Nichtkostümierten in die Schlange vorm Klo, als der Anruf kam.

 

Katrin Geisler

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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