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Scheiße, Scheiße, Scheiße, das kann doch wohl nicht wahr sein: Habe nun, ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie durchaus studiert, mit heißem Bemühn – oder so ähnlich. Hab mir Jahrzehnte den Kopf vollgestopft mit Wissen und Erfahrungen, kann reiten, Auto fahren, tauchen, fliegen, habe Kinder erzogen, Politik gemacht – und jetzt soll ich einfach abtreten?

So kann das die Evolution nicht beabsichtigt haben; alles, wofür ich so viel Zeit aufgewendet habe, soll nun verloren gehen? Halt, was sage ich da: Die Evolution beabsichtigt nichts. Es passiert einfach. Da ist kein Ziel dahinter.

Aber es gibt Optimierungen in der Evolution, Kostenfunktionen, die weniger fitte Entwicklungen unterdrücken. Fit heißt hier: Vermehrung. Vermehrung von Entitäten ähnlicher Eigenschaften in einem Umfeld, das selbst im Laufe der Zeit immer mehr auseinanderfließt. Erst gab es den Urknall, dann nur Energie, dann Elementarteilchen, dann Atome und Moleküle, dann Sterne und Welten, dann Einzeller darin, Pflanzen, Tiere und derzeit als Spitze dessen, was wir kennen, Menschen.

Tod war sinnvoll, solange die Fitness nur über Moleküle weitergegeben wurde, die Information bester Entwicklung sich biologisch vererbte. Mit dem Menschen und seinem Bewusstsein wurde es anders. Sprache kann Information – und damit die Grundlage zur Erlangung von Eigenschaften für eine bessere Fitness – sehr schnell zwischen den optimierten Entitäten, den Menschen, vermitteln. Schriften können diese Informationen über Zeiten transportieren, Radio und Fernsehen über den Raum. Die Fitness jedes einzelnen Menschen kann so sehr schnell diejenige erreichen oder gar überschreiten, für die Menschen früherer Jahrtausende mehrere Generationen benötigt haben. Wir haben allzeit Licht, Wärme, Nahrung etc.

Aber wir haben nur ein Gehirn in einem abgeschlossenen Knochenkasten. Jeder lernt für sich gehen, sprechen, Fremdsprachen, Mathematik, Physik, Chemie, Berufe. Fast jeder lernt auch noch schwimmen, Auto fahren … Nun, bald gibt es sich autonom bewegende Fahrzeuge. Die müssen nicht mehr zur Fahrschule. Einfach ein Programm überspielen, und sie können Auto fahren. Ein neues Programm, und sie kennen die Verkehrsregeln eines fremden Landes.

Es wäre schön, wenn man modular sterben könnte, ohne dass eine komplette Entität, ein Bewusstsein, seinen Geist aufgibt. Veränderung ist sinnvoll; ich bin auch anders als vor vierzig Jahren, bin gereift. Gedanken werden geboren und sterben, aber der Tod als Teil einer Fitnessfunktion der Evolution, die Überflüssiges zurücklässt, hat sich überlebt. Es ist evolutionär durchaus sinnvoll, mühsam erworbene Erfahrung, menschliches Bewusstsein am Leben zu erhalten.

Gut möglich, dass es bald einen Ausweg gibt: Die Zusammenführung menschlicher Bewusstseinsinhalte über Hirnschnittstellen in ein globales Computernetzwerk. Dann gibt es wohl eine neue Entität, ein Weltbewusstsein. Nur leider ist es allein auf weiter Flur. Hoffentlich löst es dann möglichst schnell die Frage, wie man interstellar kommuniziert.

 

Rolf Kickuth

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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