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1000 Tode musst du es nennen.
Sie lächelt, wie immer, wenn sie etwas vorschlägt, gibt mir den Rest des Joints und spült den klebrigen Geschmack mit Bier hinunter.

Die 1000 Tode der Minna McKenzie?
Ich blinzle in die Sonne.

1000 Tode, die man sterben muss, um ein Ich zu werden.
Ich spreche den Titel leise. Ist er genauer als 1000 Stimmen? Die 1000 Stimmen der Minna McKenzie, aus denen man eine wählen muss, um Ich zu sagen.

Du musst die Todesarten lesen.
Ihr Lächeln wird breiter. Ihre Augen glänzen, als sie an den Jungs vorbei ins Zelt sieht. Als wäre es dort, mein großes Werk, die Entschlüsselung meines Selbst, von dem ich so lange nicht zu erzählen wagte.

Aber ich habe Malina schon nicht ertragen.
Ich werfe den Joint auf die zertretene Wiese und erinnere mich, wie ich das Buch fortwerfen wollte, weit in die Ecke. Wie kann man nur Frauen lesen, dachte ich, diese graue Enge hält doch niemand aus.

Sie hat ihr halbes Leben daran geschrieben.
Sie gießt Vodka in zwei Becher und gibt mir einen. Todesarten. Ist also das Projekt, in dem ich meine Begegnungen mit dem Tod als Selbsterfahrungstrips bewerben kann. Liegen sie auch in Drogen, Sex und Alkohol.

Wir müssen gehen.
Die Jungs treiben uns an. Wir stürzen den Schnaps hinunter und greifen zu den Flaschen.

Was sehen wir uns an?
Keiner gibt Antwort. Weil sie mich nicht kennen oder selbst nicht wissen, welche Band gerade spielt. Bloß der Bus fährt nicht so oft zum Festivalgelände.

Und bei wem schlafe ich?
Sie deutet auf einen weiter hinten. Er hebt den Kopf, ohne mich anzusehen.

Ich bin in einem desolaten Zustand. Nicht weil gestern das Begräbnis meiner Großmutter war. Das war ja die beste Lösung für das Wochenende, sonst wäre ich nicht weggefahren und in der Stadt geblieben und hätte warten müssen, dass Er etwas mit mir macht.

Aber ich habe keinen Schlafsack.
Sie organisierte alles für mich. Jemand habe Platz in seinem Zelt, auch ganz viele Decken. Ich solle nur kommen.

Ich muss auf meinen Fuß aufpassen.
Beim Hinuntergehen zur Bühne ist es so schlammig, dass ich mich an ihr festhalten muss. Die Bänder meines Knöchels sind gerade wieder fest. Egal was passiert, er darf nicht knicken.
Zum ersten Mal seit dem Unfall tanze ich wieder. Ich schwinge die Hüften und stelle die Füße fest auf die Wiese. Der Junge mit dem Schlafplatz neben mir raucht, sein Blick von den Haaren verdeckt.

Warum flirtet er nicht mit mir?

Oder traut er sich nicht?
Gestärkt vom Vodka und den harzigen Joints, stemme ich mich vom Boden ab und schwinge meine Hüfte hart gegen seine. Er stolpert fast. Erst beim dritten Versuch schmiegt er sich von hinten an mich.

Am Morgen sehe ich nach dem Fuß. Er bewegt sich normal. Wackelig steige ich aus dem Zelt. Will barfuß zu den Klos. Beim Bus wird es schwarz.
Jemand hebt meine Füße. Zieht das Kleid über die nackte Hüfte. Im Schlamm am Boden öffne ich die Augen.

Bis zur Ohnmacht hat er sie gefickt.
Sie weiß, was passiert, wenn man mich alleine lässt und grinst. 1000 Tode, 1000 Leben. Ringsum ist alles still.

 

Lydia Mittermayr

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
#1000tode #tod #sterben #trauer

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