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Lange dachte ich vom Tod als einem, der kommt und dich holt. Dass er kommen und bleiben könnte, hatte ich nicht erwartet. Reißt er seine Beute nicht aus dem Leben? Selbst die, die „sanft entschlafen“, bleiben meist bis zum Schluss ohne Ahnung, wie mein Freund Emanuel, der an einem späten Feierabend ins Hotelbett stieg und nie wieder erwachte. Auch dachte ich mir den Tod als Feind. Wahrscheinlich, weil ich Tod, töten, morden in eins verwechselte. Der Tod als Mörder, das war mein Bild. Nun aber sitzt er schon seit Jahren auf den Schultern meiner Mutter. Nicht, dass ich ihn sofort wahrgenommen hätte. Zu sehr konzentrierte ich mich auf meine Mutter und deren neue Seltsamkeiten. Zunächst verwandelte sie sich binnen kürzester Zeit in ihre eigene Mutter, als müsse sie, kaum dass meine Großmutter gestorben war, deren Platz einnehmen. Mit Platz meine ich: Frisur, Gesten, gebückte Haltung, leises Summen, dazu ein gewaltiger Gewichtsverlust. Mir tat mein Vater leid, der plötzlich seine Schwiegermutter im Haus hatte. Ich fand die Verwandlung obszön und hielt bis auf weiteres Abstand. Dann wurde meine Mutter blasser. In manchen Momenten fast nicht mehr zu unterscheiden von dem Sofa, auf dem sie vor dem Fernseher lag. Sie rief selten an, gelegentlich legte sie auf mitten im Gespräch. Auf eine Art war sie mir lästig. Als sie die Alzheimer-Diagnose hatte, wurde sie wieder lebendiger, schüttelte sich, als wolle sie den Tod, der sich um ihren Nacken schlang, wieder loswerden. Sie rannte, rannte weg, verirrte sich, sprang vom Dach, ohne sich auch nur einen Knochen zu brechen. Sie lief gegen Autos, durch den Wald, nachts einmal auf und davon. Vor Fragen hatte sie immer größere Angst. Wir übrigens auch. Dennoch versuchte sie nichts festzuhalten. Weder Antworten noch Erinnerungen. Sie wehrte sich hier, um dort loszulassen. In hellen Momenten war sie fast wieder ganz sie selbst. Bis heute träume ich, dass alles nur ein Traum war. Kein umgekehrter Alptraum, der einem beim Erwachen die Last seines Grauens auf die Brust drückt. Eher ein schöner Traum, die Gelegenheit, noch einmal mit meiner Mutter zu sprechen – ihre Stimme zu hören. Als sie Gespenster und Menschen nicht mehr auseinanderhalten konnte und alle mit der gleichen Wucht attackierte, kam sie ins Heim. Sie lächelte, lief weiterhin weg, schlug aber kaum mehr. Eine Weile noch klagte sie, dann beschränkte sie sich aufs pure Dasein im Hier und Jetzt. Sie nahm ab und wieder zu, stürzte sich Löcher in den Kopf. Der Tod auf ihren Schultern verwob sich mit ihrem Gesicht. Neulich erst brach er ihr die letzten Zähne aus dem Mund. Wenn sie schläft, könnte sie schon gestorben sein. Ein altes Dornröschen, meine Mutter. Ohne Gesten, ohne Sprache, aber keineswegs ohne eigenen Willen. Mit einem starken Herz. Wer es sehen kann: Sie tanzt mit ihrem Tod. Und es ist keineswegs ausgemacht, wie dieser Tanz endet. Mit einem Sturz, um Luft ringend oder still im Bett. Der Tod kommt und holt dich. Wenn du Glück hast. Wenn es arg kommt. Manchmal lässt er sich Zeit.

 

Stephanie Jaeckel

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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