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Du warst mein erster Toter. Betrauert hatte ich schon andere, keinen so gesehen wie dich: aufgebahrt im Krankenhausbett, die Arme über der Decke gekreuzt, das Gesicht ohne Schimmer, spottend meiner Erwartung, dieser Körper hätte noch etwas mit dir zu tun. „So ist das also“, dachte ich. Ein gestohlener Satz – C. McCullers, aus deinem Bücherregal gezogen, als ich fünfzehn war. „Der Tod gehört nicht zum Leben“, sagt Mama später. Auch dass sie den Friedhof nicht braucht, keinen Gedenkstein zur Erinnerung. Die Abschiedsworte und Kränze, Ritual, hastig aufgeführt für die anderen, die dich hinter sich lassen. Mama bleibt an dir hängen, die Zeit heilt nichts. Dann besuchen wir doch dein Grab und sie wird zornig darüber, wie das Unkraut wuchert, kniend zupft und rupft sie, als könnte dich diese Zuwendung berühren.

Am Telefon hat es richtig geklungen. Umzug zum Jahreswechsel, zurück in die Stadt, Mama raus aus diesem Haus, in dem sich Teppichboden und Tapete ablösen, das nur zusammengehalten wird von früher, als –. Vor Ort bin ich unnütz. Sie räumt seit Wochen, geübt trennt sie unverzichtbar von unverzichtbar, ich erkenne ihr System nicht. Stehe stumm zwischen Pappkartons, starre in die Lücken, Bücherregale geplündert, an den Wänden helle Rechtecke, das grüne Sofa fort. Der Rasen im Garten steht meterhoch, die Nachbarn sind gnädig, Mama allein mit dem Rasenmäher, zu schwach für alles, stärker als ich. In meinem alten Zimmer hocke ich über Schulheften, fahre mit den Fingerspitzen über pelzige kleine Dino-Sticker, drehe Postkarten hin und her. „Nicht träumen“, sagt Mama, „nicht hängenbleiben.“ Sie hält einen Müllsack auf, ich kneife die Augen zusammen, stopfe alles rein, bis das Fieber kommt.

„Somatisiert sie wieder“, würdest du sagen, Blick zu Mama, mich in den Golf setzen, zum Arzt bringen, dass ich heilen kann. Würdest Scherze machen und unser Lied singen, das über die Katze, mit falschem russischen Akzent, ich würde dann lachen. Bekäme deinen Sofaplatz, von dort dürfte ich glotzen, Nachmittage lang, Märchenfilme und Zeichentrick, dürfte Schokokugeln essen, schlafen und träumen, bis ich gesund wäre. Der Schmerz sitzt im Hals, vereiterte Mandeln, Mama macht sich Sorgen, „Du brauchst Medizin.“ Sie ruft mir ein Taxi, legt mir den Schal um, ich bleibe das Kind, egal, was passiert. Draußen, die Weihnachtsbeleuchtung der Nachbarn spricht von Größenwahn, oft habe ich das belächelt, jetzt denke ich „schön“. Ich steige ins Taxi, Feiertagszuschlag, es fährt mich, zurück in das Krankenhaus, ausgerechnet jenes, wo ich dich zum letzten Mal sah, vor genau einem Jahr, als hätte ich es so geplant.

 

Nora Linnemann

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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