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Sitze am Schreibtisch und arbeite an der Steuererklärung, als es klingelt. Vor der Tür steht ein hagerer fahler Mann. Er trägt eine zerschlissene schwarze Kutte, die leicht modrig riecht. In seiner knöchernen rechten Hand hält er eine große Sense.

Bin irritiert: „Was wünschen Sie?“

„Grüß Gott. Mein Name ist Tod“, sagt der Fremde mit dünner Stimme. „Ich muss Sie bitten, mit mir zu kommen.“

Meine Irritation wächst: „Wie? Ich? Zum Sterben?“

Der Tod nickt.

Bin wenig begeistert: „Das passt mir gar nicht. Ich kann jetzt nicht weg. Ich muss nachher den Sohn vom Hort abholen. Und fürs Abendessen muss ich auch noch einkaufen. Die Freundin wird sich bedanken, wenn ich sie damit allein lasse.“

„Tut mir leid, aber ich kann es nicht ändern“, erklärt der Tod.

Lasse nicht locker: „Vielleicht liegt ein Irrtum vor?“

„Nein, Ihr Name steht in meinem Buch!“, insistiert er.

Unter seiner Kutte zieht der Tod eine abgewetzte, in Leder gebundene Kladde hervor und blättert darin. Er stutzt und wird noch blasser. Sofern das überhaupt geht.

„Der Name stimmt. Aber das Datum ist falsch!“, stammelt er.

„Da bin ich ja beruhigt“, freue ich mich.

Der Tod beginnt zu weinen: „Warum muss immer mir so etwas passieren?“

Versuche ihn zu beruhigen: „Seien Sie nicht so hart zu sich selbst. Jeder macht Fehler.“

Sein Schluchzen wird stärker: „Wissen Sie, die viele Arbeit. Tagein, tagaus muss ich Leute holen. 365 Tage im Jahr. Ohne Urlaubsvertretung. Und wenn ich krank bin, springt auch keiner für mich ein.“

Der Tod sieht wirklich schlecht aus. Ganz kränklich, überarbeitet und abgehetzt.

Schaue ihn mitfühlend an: „Das muss hart sein. Sie sollten sich gewerkschaftlich organisieren.“

„Das geht nicht. Ich bin doch selbstständiger Einzelunternehmer“, jammert er.

Suche nach konstruktiven Vorschlägen: „Denken Sie an Ihre Gesundheit. Achten Sie auf eine ausgewogene Ernährung und schaffen Sie sich Freiräume für Hobbys. So ein Burn-out kommt schneller als man denkt. Weniger Arbeit, mehr YOLO!“

Der Tod schaut mich fragend an.

„YOLO! Sie verstehen schon. You only live once!“, erkläre ich geduldig.

Der Tod nickt traurig: „Danke. Auch dafür, dass Sie mit mir reden. Passiert mir nicht oft.“

„Keine Ursache.“ Klopfe ihm ermunternd auf die Schulter. „Eine Frage hätte ich noch. Wegen des Datums, an dem Sie wiederkommen. Ich sitze nämlich gerade an der Steuererklärung und frage mich, ob sich das überhaupt noch lohnt.“

Der Tod schüttelt den Kopf: „Das darf ich nicht verraten.“

„Verstehe“, sage ich. „Na gut, bis dann. Hoffentlich erst so in dreißig, vierzig Jahren. Aber unterstehen Sie sich, vorher bei meinen Kindern vorbeizuschauen. Da verstehe ich keinen Spaß!“

Aber der Tod hört mich nicht mehr. Trübselig trottet er von dannen. Schaue ihm am Fenster hinterher.

An der Ecke passiert es. Ohne auf den Verkehr zu achten, überquert der Tod die Straße. Ein Auto erwischt ihn mit vollem Tempo.

Der Tod wird durch die Luft geschleudert und prallt hart auf dem Asphalt auf. Reglos bleibt er liegen. Der arme Kerl. Eigentlich war er ganz nett. Es war wohl einfach nicht sein Tag!

 

Christian Hanne
 
 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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