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Der vierte August ist ein Todestag. So wie jeder Tag im Jahr auch ein Todestag ist. Am vierten August verloren zwei kleine Jungen ihren Vater. Die Kinder waren vier und sechs, ihr Vater sechsundvierzig. Niemand hatte damit gerechnet, die Kinder schon gar nicht. Am Tag vorher waren sie noch mit dem Papa im Freibad gewesen, es war ein drückend heißer Julitag; der Große lernte gerade schwimmen. Am nächsten Morgen begleiteten sie den Vater ins Krankenhaus, sagten artig Aufwiedersehen, so wie sie ihm viele Male Aufwiedersehen gesagt hatten, wenn sie ihn zum Bahnhof gebracht und ihn auf eine seiner Dienstreisen verabschiedet hatten.

Zwei Wochen später sahen sie ihn noch einmal. Der Vater wusste, wie es um ihn stand, auch wenn es ihm niemand sagte; er drehte den Kopf zur Wand, um seine Tränen vor den Kindern zu verbergen, bis die Mutter die Jungen schließlich vor die Tür brachte, sagte, sie sollten noch einen Moment draußen warten. Sie spielten auf dem Flur mit den Holzrittern, die ihnen der Vater geschenkt hatte.

Die Mutter beharrte darauf, die Kinder, kurz nachdem der Vater gestorben war, noch einmal zu ihm zu bringen. Ein letztes Abschiednehmen. Da lag er in der gekachelten Leichenhalle im Untergeschoss des Krankenhauses, zusammen mit vielen anderen dort Verstorbenen, deren Gegenwart sich unter der Wölbung weißer Laken abzeichnete. Die Mutter hatte getobt und geweint und darauf bestanden, ihren Mann noch einmal in die krankenhauseigene Kapelle schieben zu lassen, es war schließlich ein katholisches Krankenhaus, nur kurz, den Kindern zuliebe. Das ginge nicht, leider, wurde ihr mitgeteilt, außerdem sei ihr Mann ja aus der Kirche ausgetreten, deshalb habe er keinen Anspruch auf Zutritt zur Kapelle. Kein Zutritt, leider. Sie versuchte es beim Bestattungsunternehmer, einem netten jungen Typen, doch der winkte ebenfalls ab: Den könne keiner mehr angucken, nach der Obduktion und bei dem heißen Wetter, unmöglich, leider.

Dabei blieb es. Stoisch marschierten die Söhne mit ihrem selbstgezimmerten Birkenholzkreuz dem Leichenzug voran über den Friedhof. Sie stellten Fragen, die Mutter versuchte Antworten zu geben, die sie selbst nicht hatte. Der große Bruder erklärte dem kleinen: „Der Papa ist jetzt da oben. Gestreckter Zeigefinger in die Luft. Er ist ein Stern am Himmel und du kannst jederzeit mit ihm reden, wenn du willst.“

Der Kleine ließ sich nicht belehren und schrie. Er schrie tage-, wochen-, monatelang, bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Der Große war der Große, mit seinen sechs Jahren. Er blickte nicht zurück.

Vier Jahre später, in der Nacht zum vierten August, eine Viertelstunde nach Mitternacht, kam ein Junge zur Welt, der kleinste Bruder. Das kann nicht sein, hatte die Mutter erschrocken gesagt, als die Hebamme an ihrer Pappscheibe drehend den Geburtstermin ausrechnete. Unmöglich. Die Hebamme beruhigte, sagte, nur vier Prozent aller Babys kämen am errechneten Termin zur Welt. Doch dieses Kind hielt die Verabredung ein. Es wartete, bis der Uhrzeiger die Mitternachtsmarke überschritten hatte. Damit machte er aus dem Todestag einen Geburtstag.

Die Mutter backt nun jedes Jahr zum Todestag einen Geburtstagskuchen. Um Viertel nach zehn am Morgen hält sie einen Augenblick inne und denkt an den Vierten-August-Menschen, den, der gegangen ist. Dann weint sie ein bisschen und spielt mit dem Geburtstagskind.

 

Birgit Kirberg
 
 
 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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