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Doris Nachtigal. Der Tod ist nicht genug. Sie will leben, einfach leben.

Ich beschloss zu sterben. Nicht so wie Veronika, eher so wie Jesus. Drei Tage.

„Können Sie mir einen Strauss für ein Grab zusammenstellen. Ich möchte ihn hinlegen, nicht in eine Vase geben“, richtete ich meine Bitte an die Floristin. Vorsichtig erkundigte sie sich, ob es sich um eine ältere oder jüngere Verstorbene handelte. Meine Antwort kam leise: „Es handelt sich um jemand Jüngeres, zu jung zum Sterben.“

Sie steckte mir traurige Blumen zu düsteren Blättern. Wunderschön melancholisch, fand ich. In der passenden Stimmung nahm ich die paar zusammengebundenen Äste entgegen. Es handelte sich um einen Zweig Lilien, mit zwei, vielleicht drei Blüten bestückt, und drei Zweige von einem Ahornbaum, dessen Blätter den Lilien noch mehr Dramatik und Trauer verliehen. Zu Hause legte ich die in Brauntönen gehaltenen Blumen auf mein Bett. In meinem kleinen Wohnzimmer breitete ich mein dunkelbraunes Schaffell auf dem Boden aus, umrandete das Fell mit brennenden Kerzen und rollte mich darauf zusammen.

„Wie also soll mein Tod aussehen?“ Auf dem harten Boden liegend, inmitten von brennenden Kerzen – die Stimmung war fürs Sterben perfekt. Die Antwort schien dort auf mich gewartet zu haben.

Die Kerzen waren längst niedergebrannt und die Dämmerung der Herbstnacht gewichen. Es war still. Sanft und weit entfernt vernahm ich das Geräusch des leise wehenden Windes zwischen letzten noch verbliebenen Blättern am Ahorn vor meinem Wohnzimmerfenster. Der Kandelaber auf der anderen Strassenseite warf einen dezenten Schimmer auf das Laub. Ab und zu erinnerte mich das Geräusch eines vorbeifahrenden Autos an meine Existenz auf diesem Planeten. Alles wirkte verspielt, wie verzaubert.

Ich lag noch immer da. Es war flauschig und dunkel. Auf dem Fell eines schwarzen Schafes. Die Rippen taten mir weh. Wie lange hatte ich so gelegen, seitlich eingerollt? Allmählich öffnete ich meine Augen. Die Blätter des Ahorns warfen spitzige, groteske Schatten in die Stube. Ich verspürte keine Furcht. Eine tiefe Ruhe machte sich breit in mir. Ich setzte mich hin und drückte meine Knie an mich. Meine Augen blieben beim Spiel der Schattenblätter hängen, und ich blickte nach innen. Ich erkannte mein Innerstes. Es war neu. Jede Art von Konflikt war von mir abgefallen. Langsam, wie aus tiefem Schlaf erwacht, erhob ich mich, fühlte das Fell unter meinen nackten Füssen, trat erhobenen Hauptes aus dem mit Kerzen gebildeten Kreis. Mit jedem Schritt nahm ich den Holzboden wahr. Jede Faser des Holzes war ein Zeuge des Lebens, eines Lebens in Freiheit. Es gab nichts mehr zu tun. Meine jahrelange Suche nach Heilung war vorbei. Ich hatte etwas Besseres gefunden. Ich hatte mich selbst gefunden.

Ich räumte die Blumen beiseite, legte mich ins Bett, schloss die Augen. Auf dem Bildschirm erschien ein blauer Balken: Transmission completed.

 

Doris Nachtigal
 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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